Inhalte der 2. internationalen Yoga-Fachfortbildung 2017  (2. Teil)

- Wie das Form-Empfinden die Gesundheit und die Entwicklung des Menschen fördert -

 

Autor: Stefan Jammer - September 2017                                                                                                                                              > zum 1. Teil   /   > zum  3. Teil

 

 

Inhaltsverzeichnis vom Teil 1 ...

   Einleitung

   1. Die Bedeutung von Formen

   2. Die Harmonie von Formen

 

 

3. Die Harmonie einer Körperhaltung

 

Die Harmonie einer Körperbewegung wie sie hier behandelt wird, wird in Verbindung gesehen mit einer seelischen Kraft und Ausdrucksform des Menschen. Die seelische Ebene wirkt auf die feinen Ebenen der Lebenskräfte (prana, Qi, Ätherkräfte) und des Weiteren auf den physischen Körper. Unter dieser Annahme lässt sich vereinfacht sagen, dass die Beschäftigung mit harmonischen Verhältnissen einerseits die direkt spürbare Gesundheit des Organismus (wie z.B. eine harmonische Wirbelsäulen-Aufrichtung) und andererseits die Entwicklung der tiefer liegenden Persönlichkeit fördert. Folgende Fragen wurden für eine Vertiefung des Themas bewegt ...

 

Was zeichnet die Schönheit einer Körperhaltung aus ?
Welche objektiven Merkmale zeigen sich direkt am Körper ?
Wie findet der Yoga-Übende zu der Harmonie einer Körperhaltung ?
Wie kann der Yogalehrer / die Yogalehrerin diese Harmonie praxisnah vermitteln ?

 

Allein die Anatomie des menschlichen Körpers zeigt bei genauerem Hinsehen eine Vielzahl von weisheitsvollen Proportionen. Schon in frühen Kulturen suchten Künstler nach der Harmonie von Formen, um sie in ihren Kunstwerken zum Ausdruck zu bringen. 

 

Der Goldene Schnitt, die Goldene Zahl

 

In einem Referat zu der Harmonie von Formen führte Frieder Bauer (Yogalehrer und Berater für betriebliches Gesundheitsmanagement) aus, wie große Künstler, z.B. Leonardo da Vinci, Raphael und Michelangelo, offensichtlich Kenntnis vom Goldenen Schnitt hatten und wie sie dieses lebendige und objektiv-messbare Wissen um ästhetische Proportionen in Bauwerken, Gemälden oder Skulpturen zum Ausdruck brachten.

 

Der goldene Schnitt, bzw. die goldene Zahl, sei zum ersten Mal vom griechischen Mathematiker Euklid von Alexandria (ca. 3. Jhdt. v. Chr.) wissenschaftlich untersucht und dokumentiert worden. Durch aufmerksame Wahrnehmungen und Berechnungen, so wird angenommen, hatte dieser dieses Phänomen aus der Natur 'herausgelesen'. Der goldene Schnitt, das war Frieder Bauer wichtig zu betonen, wurde also nicht 'erfunden'.

 

Der goldene Schnitt ist ein in der Mathematik, in der Kunst, in der Natur und somit auch am menschlichen Körper objektiv messbares Phänomen. Der goldene Schnitt beschreibt ein harmonisches Verhältnis von Proportionen. So ist zum Beispiel die Gesamtgröße des menschlichen Körpers im Verhältnis zur Strecke Bauchnabel / Fußsohle im gleichen Verhältnis wie die Strecke Bauchnabel / Fußsohle zur kleineren Strecke Bauchnabel / Scheitel. Die Zahl, die dabei im Mittel herauskommt, hat den Namen PHI und sie hat den Zahlenwert 1,618...

Goldener Schnitt (> Wiki) bei einem Streckenmaß:  (a + b) : a   gleich   a : b 

 

Am Foto von Michelangelos David, lassen sich diese beiden Proportionen mit einem Lineal sogar recht gut nachmessen. Man messe einfach die Strecke vom Bauchnabel zum Boden 'a' sowie die Strecke vom Bauchnabel zum Scheitelpunkt des Kopfes 'b' und bringe die Zahlen nach der obigen Gleichung in Beziehung.

 

Der Goldene Schnitt als ästhetische Proportion findet sich in der Kunst aber auch in vielen Formen in der Natur, z. B. bei Schneckenhäusern wieder. Johannes Keppler, der Mathematiker und Astronom aus dem 16. Jahrhundert, forschte am goldenen Schnitt und bezeichnete ihn als sectio divina als göttliche Teilung[1] 

 

Der goldene Schnitt kann als ein Beispiel gelten, wie ein harmonisches Verhältnis, welches objektiv in der physischen Welt vorkommt, zugleich einen geistigen oder kosmischen Bezug aufweist. Der Begriff Kosmos, so führte Frieder Bauer aus, kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet Ordnung, Glanz, Schönheit und Schmuck.

 

Ein Grundsatz vom Anfang des Seminars lässt sich nun mit den Ausführungen zum goldenen Schnitt in einen Zusammenhang bringen. Dieser Grundsatz lautete: Die Form ist ein Ergebnis. Sie steht am Ende nicht am Anfang eines Vorganges. Am Anfang einer äußeren Form, so lässt sich also weiter sagen, steht eine Idee, steht eine geistige Kraft, steht der Kosmos [2].

 

Michelangelos David / © 1&1
Goldene Schnitte in einer Spirale / © 1&1

[1]  Eine umfangreiche Darstellung zum Goldenen Schnitt in Kunst, Natur und Wissenschaft hat Priya Hemenway zusammengestellt. Ihr englischer Buchtitel lautet: Divine Proportion, ihre deutsche Ausgabe: Der geheime Code.

 

[2]  Der Begriff Kosmos bezieht sich tendenziell mehr auf den Sprachgebrauch des orientalischen, des östlichen Menschen. Die Begriffe Idee oder Geist beziehen sich mehr auf das okzidentale Denken des westlichen Menschen.

Braucht es den individuellen Menschen für die Harmonie ?

 

Eine fachlich-kontroverse Frage zum Verständnis stellte Heinz Grill im Zuge der Überlegungen wie harmonische Verhältnisse in der physischen Welt entstehen ...

 

"Wäre es nicht am sinnvollsten, wenn der Mensch nicht denkt ?  ... wenn er durch sein Denken die gegebene Harmonie der Natur oder des Kosmos gar nicht erst stört ? "

 

Wenn der Mensch in seiner Kleinheit und Begrenztheit etwas tut, kann doch eigentlich nur Unvollkommenes oder gar Unheilvolles rauskommen, oder ?  Zu dieser krassen Überlegung kann man kommen, wenn man sich beispielsweise heute die Folgen der Globalisierung in der Welt anschaut. Was kann sich durch diese Auffassung jedoch noch mehr auf verborgener Ebene ausdrücken ?  Es kann sich eine Sehnsucht ausdrücken, dass man lieber in der großen Geborgenheit eines Ganzen, der Natur, des Göttlichen (brahman) oder des Kosmos aufgehen möchte, ohne selbst direkt Verantwortung übernehmen zu wollen. Es kann dies eine Verleugnung der eigenen Schöpferkraft und der eigenen Individualität bedeuten.

Dies ist, obwohl selten so direkt benannt, heute ein großes Thema, da sich diese stille Sehnsucht verborgen und verwandelt in praktischen Verhältnissen unserer Gesellschaft auffinden lässt. Es zeigen sich z.B. bei genauerem Hinsehen vielerorts Bestrebungen, dass Staaten, Kirchen, große Konzerne, Parteien oder charismatische Persönlichkeiten sich als Fürsorger für das vermeintlich unmündige Volk verstehen und Menschen sich gerne von ihnen führen lassen.

 

In dem ein Mensch sich jedoch in gegebene Strukturen fallen lässt, wenn er sich nicht um ein individuelles Profil und Bewusstsein bemüht, geht er tendenziell der Begegnung mit den gegebenen Strukturen (Formen), Lebensumständen und ihren Beziehungs-Verhältnissen aus dem Wege. Damit geht er auch möglichen harmonischen (Lebens-) Formen aus dem Wege. Warum ist das so ?

 

Wenn statt einer bewussteren Begegnung mit den äußeren gegebenen Verhältnissen mehr eigene Gefühle oder Sehnsüchte ausgelebt werden, wenn also mehr die Subjektivität des Innenlebens in den Fokus rückt, dann reduzieren sich die Möglichkeiten, äußere Strukturen überhaupt zu erfassen. Man ist dann mehr in einer Hülle von eigenen Vorstellungen und Stimmungen wie abgeschirmt. Die Folge ist, dass sich der Mensch weniger als freie Individualität erlebt, da er sich mehr an seine inneren Gefühle bindet. Dieses heute sehr 'normale' Phänomen bewirkt ein Verhalten, was in der Psychologie als Projektion benannt wird. In dieser Ausrichtung nach innen, die zum Formlosen hin tendiert, ist es schwerer, einen freieren, objektiveren Stand gegenüber der Außenwelt zu bewahren. Der Mensch wird in dieser Ausrichtung wohl eher psychisch labiler und wird sich beispielsweise bei geäußerter Kritik von anderen Personen schneller verletzt fühlen.

 

Die Harmonie von Formen mehr objektiv zu verstehen, sie individuell

durch die eigene Person auszudrücken und damit stabiler und freier zu

werden, erfordert eine durchaus anspruchsvolle Auseinandersetzung.

Es ist eine mutige Auseinandersetzung ...

  • mit einem höheren Ideal
  • mit der Außenwelt
  • mit dem eigenen, persönlichen Istzustand. 

 

Siehe zu der Unterscheidung, wie sich Subjektivität durchs Hineingehen ins eigene Innenleben und Objektivität durch eine klare Bezugsrichtung zu einem Gegenüber am Menschen zeigen können, die beiden Fotos aus der Yoga-Praxis.

 

Bestimmte gesellschaftliche Strukturen, wie oben schon aufgezählt, fördern im Sog des Zeitgeistes, heutzutage mehr das Gegenteil, mehr eine Ent-Individualisierung. Sie fördern mehr ungesunde Formen eines Gruppenmenschen oder das Gegenteil: die Vereinzelung ... und damit längerfristig die Abnahme von klaren, harmonischen Formgefühlen des Einzelnen. Dies geschieht, da ein konkretes Gegenüber, z.B. ein Mensch oder eine Lebenssituation immer pauschaler (Schubladendenken) oder unbewusster wahrgenommen wird. Die in der Psychologie benannte 'Projektion' eines Gefühls auf andere, ist z.B. auch eine Folge von zu starker Innenorientierung einerseits und ein Mangel an außenorientiertem Bewusstsein andererseits.

 

Neben der Emotionalität ist auch die Intellektualität, die kühle Ratio, eine Lebensform in der heutigen Zeit, die die Ent-Individualisierung zu fördern vermag. Dies passiert dann, wenn anstelle der eigenen Suche, Auseinandersetzung und Erfahrung fremde Aussagen ungeprüft übernommen werden. Jedes einfache Übernehmen einer weltanschaulichen, politischen oder wissenschaftlichen Theorie, auch wenn sie noch so sinnvoll erscheint, reduziert gesunde Form- und Identitätsgefühle.

 

Zusammenfassend lässt sich zu der Fragestellung wie harmonische Formen

mit dem individuellen Menschen zusammenhängen sagen, dass es ohne

den einzelnen Menschen wohl nicht geht.

 

Eine geistbegabte Kraft oder Intelligenz, die harmonische Verhältnisse schafft

so eine Erkenntnis, die im Seminar angeregt wurde - kann nur vom Individuum selbst kommen. Sie kann nicht durch eine Gruppe, durch ein Kollektiv, durch einen Anführer, durch eine Wissenschaft oder eine Ideologie und auch nicht durch eine yogische Weltanschauung ersetzt werden.

 

Die Ausrichtung des Einzelnen sollte dabei nicht zu sehr in die eigene 

Innenwelt gerichtet sein, sondern sich mit klaren Gedanken und Sinnen 

nach außen orientieren. Eine Verinnerlichung entsteht in der Folge aus

bewusst aufgebauten Beziehungen mit der Außenwelt.

 

Eine harmonische Idee, die vom Menschen möglichst klar und unverfälscht gedacht wird, kann, so eine nächste Schlussfolgerung, im Physischen zu harmonischen Verhältnissen führen und z.B. der Ästhetik des goldenen Schnittes entsprechen.

 

Die Praxis mit Yoga-Übungen ist gut geeignet, mit klaren, harmonischen Formen in Beziehung zu treten. Der 'König der Formen' und des Formgefühls ist im Rahmen der asana-Praxis der Kopfstand. Auch wenn diese Übung nicht von jedem praktiziert werden kann, da sie eine intakte Wirbelsäule und Beschwerdefreiheit des Kopfes voraussetzt, so soll sie hier aufgrund ihrer Bedeutung für die heilsamen, struktur-gebenden Kräfte im Menschen zur Anschauung kommen.

 

 

Beispiel für das Fallenlassen in das subjektive Innenleben, ohne aktives und konkretes Denken / © fotolia
Beispiel für eine Yoga-Praxis, bei der der Übende über ein objektives und außenstehendes Ideal das Form-Empfinden trainiert und den Körper aktiv nach den gegebenen Möglichkeiten durchgestaltet / © Heinz Grill

Übungspraxis

Kopfstand (śīrṣāsana) – Der "König der Formen"  [3]

 

Der Kopfstand ist eine fortgeschrittene Übung (asana). Sie trainiert eine Stabilität in der Rumpfmuskulatur, ohne dass diese dabei zu starr würde. Sie fördert innere, feinstoffliche Aufrichtekräfte der Wirbelsäule (Fachbegriff: Lichtäther) und unterstützt bei entsprechender Vorgehensweise allgemein die Empfindungsfähigkeit für Formen.

 

Hinweis: 

Voraussetzung für eine förderliche Praxis ist eine ausreichende Grundstabilität der Wirbelsäule, insbesondere der Hals-Wirbelsäule. Bei starker Osteoporose, Hypermobilität, Bandscheiben-Vorfällen, hohem Blutdruck sowie Beschwerden am oder im Kopf, bei denen kein Druck entstehen darf ist eine Praxis kontraindiziert.

 

Vorbereitung ...

Vor der Ausführung des Kopfstandes eigenen sich Übungen, die bewegt und spannfreudig sind. So sind zum Beispiel der Übungszyklus des Sonnengebetes oder die Waage gut geeignet. Im Sonnengebet beispielsweise kann der Praktizierende oder der Yogalehrer die Bewegtheit, die rhythmisch-aktive Komponente betonen oder anleiten, bevor er sich der komplett anderen Empfindung der Statik, der ruhigen vertikalen Linie des Kopfstandes zuwendet. Die Waage fördert durch ihren spannkräftigen Einsatz aus der Rückenmitte die Stabilität des Rumpfes, die beim Kopfstand gebraucht wird und zum anderen kann die Sinneserfahrung der horizontalen, geraden Linie unterstützend auf das vertikale Formempfinden des Kopfstandes wirken.

 

Phase 1 ...

So wie der Kopfstand hier angeleitet wird, steht neben der stabilen Vertikalität der Körperlinie im tieferen Sinn das seelische Empfinden eines klaren, wachen Bewusstseins im Vordergrund. Dies zeigt sich in der Methodik der Ausführung dadurch, dass sich der Übende vor dem Aufsetzen des Kopfes am Boden die Zeit nimmt, die vertikale Linie des Körpers als Vorstellung ruhig aufzubauen.

 

Phase 2 ...

In der nächsten Phase formt der Übende die Unterarme in ein gleichseitiges Dreieck und platziert den Scheitelpunkt des Kopfes bewusst am Boden. Er stabilisiert dabei den Kopf mit den verschränkten Händen und richtet den Oberkörper bestmöglich zur Vertikalen auf. Der Atem sollte in allen Phasen stets frei am Fließen sein.

 

Phase 3 und 4 ...

Für die Aufrichtung der Beine gibt es mehrere Varianten. Die einfachste ist die mit angewinkelten Beinen. Hier ist eine elegante Form einer weiten Grätschbewegung mit den Beinen gezeigt. Zuerst geht ein Bein gestreckt nach oben. Im Zusammenziehen der Beckenmuskulatur und gleichzeitigem Heranziehen des unteren Beines aus dem Beckenraum entfaltet sich eine Kraft, die das zweite Bein und im weiteren den ganzen Körper hoch in die Vertikale zieht. 


Hinweis:

Zu Beginn der Praxis kann diese exponierte Position sehr wacklig sein und es mag nur ein paar Sekunden zu halten sein. Mit der Wiederholung jedoch kann langsam die Stabilität des Rumpfes und damit die Sicherheit wachsen. Es ist günstig, auch das Umfallen zu üben (gegebenenfalls mit Decken drumherum), damit weichen Ängste vorm Hochgehen zurück.

Seelisch gesehen erringt sich der Übende mit der Zeit die Sicherheit zudem dadurch, dass er die vertikale Linie des Körpers empfinden lernt. Diese symbolisiert die klare Wirkkraft eines Gedankens und sie drückt damit eine seelische Eigenschaft, sie drückt geistige Stabilität und Stärke aus. [4]

 

Phase 5 ...

Wie beim Hochgehen sollte der Körper möglichst klar, ruhig und sorgfältig zurück-geführt werden. Hier ist eine fortgeschrittene Variante gezeigt, die langsam beide Beine zugleich herunterführt. Damit diese Bewegung die Wirbelsäule nicht staucht, sondern die Bandscheiben sogar entlastet, braucht es eine starke Kontraktion im Beckenboden bei gleichzeitigem Loslassen der Beine und Teile des Rumpfes.

 

Phase 6 ...

Die Idee der vertikalen Linie bleibt bis zum Schluss im Bewusstsein des Übenden, hier noch im aufgerichteten Rücken zu sehen. Zurück im Fersensitz verbleibt der Übende mental noch kurz im Bild der Übung (kein Foto).

 

Der Inhalt der Übung

 

Wie schon in vorherigen Abschnitten erwähnt, werden gesunde Formkräfte im Organismus und das Formempfinden dadurch gefördert, dass der Praktizierende die Übungen mit einem Inhalt ausführt. Der hier beim Kopfstand gewählte Inhalt ist direkt den Kräften der Form, der Strukturgebung zugeordnet. Es ist die 'Vertikalität'.

 

Die Vertikalität ist das Bild und der feine Ausdruck eines vom Menschen

klar gedachten Gedankens.

 

Feine, mehr objektive Empfindungen ermöglichen diese reale Wahrnehmung. Die Wirkkraft eines Gedankens ist vertikal, von oben nach unten, von einem Geistigen zum Physischen, hin zur Erde und zur physischen Substanz gerichtet. [4]

 

Wie zeigt sich der klare Gedanke ganz praktisch im Alltag ?  Wenn ein Mensch die Fähigkeit besitzt, strukturiert zu sein, dann kann er aus einer Vielzahl von Aufgaben die augenblicklich wichtigste und effizienteste auswählen. Er bewahrt gegenüber den Aufgaben eine Form von Objektivität, Nervosität und Anspannung können zurückweichen. Er kann die gewählte Aufgabe ruhig und klar durchdenken und in ebenso klare Handlungsschritte gehen. Er wird sich dabei kaum ablenken lassen oder von Emotionen irritieren lassen. Er wird die Aufgabe geschickt, ohne Zwang und große Anstrengung zu Ende bringen und weitere Aufgaben sinnvoll anschließen.

 

Eine Geste, die diese Kapazität zum Ausdruck bringt, ist eine Armbewegung, die zügig, mit schmaler Handkante von oben nach unten in die Luft gezeichnet wird. Es ist eine vertikale Linie. Ausgedrückt in Form der Sprache würde man vielleicht sagen, solch ein Mensch weiß was zu tun ist, er fackelt nicht lange herum. Er handelt klar, er hat den Überblick und agiert zielstrebig.

 

[3]  Quelle: Grill, Heinz - Der freie Atem, 2017, S. 140 ff

[4]  Quelle: Grill, Heinz - Die Seelendimension des Yoga, 2015, S. 62 ff / S. 242 ff

 

Kopfstand - 1 - Mentale Vorstellung
Kopfstand - 2 - Aufbau Vertikale
Kopfstand - 3 - Freiere vertikale Linie
Kopfstand - 4 - Empfinden vom Lot
Kopfstand - 5 - konz. Rückführung
Kopfstand - 6 - Idee des Lotes bleibt

Die Fotos zeigen die Praxis des Kopfstandes mit dem Inhalt der

vertikalen Linie.

 

Die Vertikalität, von oben nach unten wirkend, ist der Ausdruck für lebendige, strukturierende Kräfte. Sie entsprechen einem vom Menschen klar und ruhig gedachten Gedanken.

 

 

Wie kann ein Yogalehrer das Formempfinden bei Teilnehmern fördern ?

 

Während des Seminars wurden verschiedene Ideen bewegt, wie Formempfinden vermittelt werden kann. Wie können methodisch im Yoga-Unterricht bei Teilnehmern sensible Wahrnehmungen für Körperproportionen sowie Bewegungsformen von Wirbelsäule und Gliedern oder generell ein Sinn für Formen, angeregt werden ?  

Mit einem übergeordneten Aspekt begannen die praktischen Überlegungen ...

 

Die Unterscheidung von Anforderung / Überforderung / Unterforderung

 

Wenn immer ein Mensch in einer gesunden Anforderung steht, setzt er selbstständig eigenes Denken, Wahrnehmen, Erleben und Handeln ein. In dem Moment ist er aktiv und er ist klar nach außen orientiert. Er hat ein Gegenüber, auf das er sich konzentriert, bei der asana-Praxis z.B. der phys. Körper. Dabei werden die Sinne sowie Gedanken und Vorstellungen selbstständig geführt. Aus dem heraus entwickeln sich Gefühle, die Aufschluss geben, ob eine Handlung oder bei der asana-Praxis die Bewegung des Körpers, im Sinne von gesunden Kriterien oder ästhetischen Vorstellungen stimmig ist. Das lässt sich üben und durch regelmäßiges Training verfeinern.

 

Was geschieht hingegen bei einer Unterforderung oder bei einer Überforderung ?  

Kann ein Mensch zu guten Formgefühlen finden, wenn er unter- oder überfordert ist ?

 

Bei einer Unterforderung ist zu beobachten, dass die Konzentrationsfähigkeit für die vorgenommene Aufgabe subtil nachlässt. Wenn z.B. ein Teilnehmer bei der Vorbeugung im Sitzen (paścimottānāsana) sehr beweglich ist und ohne Anstrengung mit dem Kopf auf die Knie kommt, wird ihm die Aufmerksamkeit für die Form des Körpers schneller entgleiten, als wenn ihm der Körper spürbare Grenzen setzt. Ein Erkenntnisschritt für die Teilnehmer im Seminar war es, dass es für ein Formempfinden aufmerksame Sinne und bewusste, zur Sache gehende Gedanken, Gefühle und Willenskräfte braucht. Mit einem Wegdriften der Aufmerksamkeit durch Unterforderung verliert sich das natürliche Formgefühl des Menschen.

 

Wie sieht es bei einer Überforderung aus ...  ?
(Hier kann Raum für eigene Überlegungen sein)

 

Bei den Überlegungen wie sich Unterforderungen und Überforderungen im Verhältnis zu gesunden Anforderungen im Yogaunterricht zeigen, lassen sich weitere Kriterien hinzunehmen. Es lassen sich z.B. drei Bereiche betrachten ...

  • Der mentale Bereich (Denken) D
  • Der Empfindungsbereich (Fühlen) F
  • Der Willensbereich (Wille) W

Ein Formempfinden wird gefördert, also im Sinne einer Anforderung lebendig angeregt, wenn in der Yogapraxis alle drei Ebenen eine Berücksichtigung finden.

Beim obigen Praxis-Beispiel des Kopfstandes besteht auf der mentalen Ebene die gesunde Anforderung, die Vertikale in die bildhafte Vorstellung zu bringen und sie sich klar im Bezug zur körperlichen Ausführung zu denken, ... also z.B. wie sich Beine und Becken ins Lot aufrichten. Das Empfinden einer Vertikalen zu erringen, bedarf der Vorstellungskraft und zugleich der körperlichen Kraft (Rumpfstabilität), was eine weitere sinnvolle Anforderung darstellt, sofern die körperlichen Grund-Voraussetzungen eine Praxis erlauben. Je nachdem wie es gelingt, diese beiden Aktivitäten zusammenfügen, kann der Mut, mit den Beinen den festen Boden zu verlassen, eine stimmige Gesamt-Anforderung sein, bei der es möglich wird, den Körper grazil aufzurichten und in der statischen Haltephase zu einem ruhigen, erlebbaren Formempfinden zu finden.

 

Praktische Übungen für die Entwicklung von Formempfinden

 

In einem Beitrag wie sich im Yoga-Unterricht das Formempfinden für Teilnehmer mit Hilfe von fünf Übungen, bzw. Übungskonzepten praktisch fördern lässt, ergänzte die Yogalehrerin Hildegard Hoffmann die vorangegangenen Überlegungen. Dieser, nochmals überarbeitete Beitrag vom Seminar, kann hier heruntergeladen werden. Er ist nicht nur für Yogalehrer interessant, sondern auch für Yoga-Praktizierende, die das Formempfinden weiter entwickeln möchten. Sie erwähnt in ihren Ausführungen auch die positiven Auswirkungen auf die psychische Stabilität.

 

Dreieck gedreht - Anleitung des Empfindens für die vertikale Ausdehnung der Arme aus der oberen Wirbelsäule heraus
Kopf-Knie-Stellung - Ausdruck einer Unterforderung bei einer Teilnehmerin, die sehr beweglich ist
Kopf-Knie-Stellung - Ausdruck einer gesunden Anforderung
Kopfstand - Eine Anforderung, den Körper konzentriert und mutig in eine umgekehrte Vertikale zu führen
Download
Hildegard Hoffmann
Praxisbeispiele Formempfinden.pdf
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