Inhalte der 2. internationalen Yoga-Fachfortbildung 2017  (1. Teil)

- Wie das Form-Empfinden die Gesundheit und die Entwicklung des Menschen fördert -

 

Autor: Stefan Jammer - August 2017

 

 

Einleitung

 

Vom 21. bis zum 23. Juli 2017 fand die 2. internationale Yoga-Fachfortbildung zum Thema der formgebenden Kräfte in Italien, am nördlichen Gardasee, am Lago di Tenno statt. Auch diesmal waren praktizierende und in Ausbildung stehende Yogalehrer/Innen aus verschiedenen Ländern sowie viele interessierte Gäste anwesend, um dieses für unsere heutige Zeit bedeutende Thema, gedanklich und praktisch zu bewegen.

 

Die Veranstaltungen in diesem Rahmen haben zum Ziel, die tiefgehende, umfassende Fachkunde des Yogaweges in ein nachvollziehbares (Fachbegriff: exoterisches) Verständnis und unmittelbar ins praktische Leben zu bringen, sei es im Beruf oder in anderen Feldern des menschlichen Lebens.

 

Das Thema wie sich harmonisch-gesunde Formen im Körper, in der Psyche oder im sozialen Miteinander durch den Menschen selbst aktiv aufbauen können, dürfte im Angesicht von steigenden Umweltbelastungen, labiler werdenden Gesellschafts-Strukturen sowie globalen Krisen und Konflikten so zeitaktuell wie selten zuvor sein.

 

Die folgende Seminarausarbeitung über die Bedeutung von Formen für die Gesundheit und menschliche Entwicklung ist bewusst sehr praktisch und 'greifbar' gehalten. Interessante und weiterführende geistige Zusammenhänge können im > Bericht zur vorherigen Yoga-Fachfortbildung (14.-16.04.17) nachgelesen werden,

 

Zentrale Fragen der drei Tage sind zur eigenen Auseinandersetzung und Vertiefung in grüner Schrift gehalten. Dieser Seminarbericht enthält an einigen Stellen zur Verdeutlichung des Themas zusätzliche inhaltliche Erweiterungen.

 

Blick vom Seminarort auf den Tennosee
Am Ufer des Tennosees

 

1. Die Bedeutung von Formen

 

Überall im Leben gibt es Formen und sie gibt es in vielfältigsten Ausprägungen. Es gibt klar sichtbare Formen in der Natur, wie sie beispielsweise in Gebirgsformationen oder in Blatt- und Blütenformen bei Pflanzen zum Vorschein kommen. Auch der menschliche Körper trägt klare Strukturen und Formen in sich, die je nach Mensch unterschiedliche Ausprägungen einnehmen. 

 

Aber es gibt noch weitere Formen ...
So gibt es zum Beispiel verschiedene Sprachformen. Eine juristische Sprache hat einen anderen Ausdruck als eine Dichtung oder ein naturwissenschaftlicher Bericht. Dann gibt es menschliche Umgangsformen. In bestimmten Situationen fühlt sich der Mensch von anderen nicht wahrgenommen, in anderen wie bedrängt und wieder in anderen von Mitmenschen gesehen und integriert. Auch Charakterformen gibt es unterschiedliche. Der eine Charakter erscheint hart und kompromisslos, ein anderer ist hingegen wie formlos, gleichgültig und ohne greifbaren Standpunkt, dreht sich nach dem Wind, wie man umgangssprachlich so sagt. Eine Art Mitte ist jene Charakterform, die einen eigenen, klaren Standpunkt bei gleichzeitigem Einfühlungsvermögen nach außen zeigt.
 

Die Form hat in der alten, indischen Sanskrit-Sprache den Namen rupaFür menschliche Lebensformen, die zu Disharmonie, Unruhe und Unordnung führen, gibt es dort den Begriff kamarupa und gemeint ist damit eine gebundene, unfreie oder beziehungs-trennende Form des menschlichen Begehrens (kama). [1]

 

Yoga - ganz allgemein gesprochen - trägt das Ziel in sich, diese Unfreiheit,
diese Begehrensform zu Gunsten einer größeren Freiheit, Verantwortung
und Beziehungsfähigkeit stetig zu verwandeln, ... oder anders formuliert:
Yoga beinhaltet das Ziel, sich als Mensch von einer unfreieren Lebensform
hin zu einer freieren Lebensform zu entwickeln.


In allen Lebensbereichen gibt es also Formen, sie begleitenden uns Menschen und sind Teil von uns. Im Physisch-Sichtbaren genauso wie in feineren Lebensprozessen sowie in seelischen und geistigen Ebenen des Menschseins. Eine zentrale Frage stellt sich nun ...

 

Warum kann das Erleben und Ausprägen verschiedener Bewegungs- und Körperformen für den heutigen Menschen förderlich auf die Gesundheit und seine Entwicklung wirken und welche Möglichkeiten bietet dabei speziell die Yoga-Praxis ?  

 

Blattformen mit unterschiedlichem Ausdruck und Formkräften

[1]  Erläuterung der Sanskrit-Sprache ... 
Der hier verwendete Begriff kāmarūpa als Ausdruck für die Begehrensform setzt sich aus kāma und rūpa zusammen. Zu unterscheiden ist kāma, was Begierde oder auch Wunsch bedeutet, von dem Sanskrit-Wort karma, welches 'Tat' und 'Konsequenz einer Tat' bedeutet. 

Grundlegende Gedanken zu Formen und ihrer Entstehung

 

Vorab nochmals ein Blick auf die Natur. Beobachtet man beispielsweise Blätter im Jahreslauf, dann stellt man fest, dass deren Formen sich beständig verwandeln. Ihre harmonischen Formen sind nicht auf einmal da und bleiben auf ewig, sondern es findet unsichtbar und beständig Aufbau und Abbau statt, es findet eine Metamorphose statt. In der Natur, beim Werden und Vergehen von Pflanzen, lässt sich das eindrücklich erleben. Erweitert man den Blick auf andere Dinge des täglichen Lebens, dann wird man gleiche Phänomene in unterschiedlichen Zeitrhythmen bei allen Objekten wahrnehmen können. Man wird folgende Beobachtungen machen können ...

 

  • Eine Bewegung geht immer einer Form voraus.
  • Eine Form ist nicht ewig und starr, sie ist in einer beständigen Verwandlung.
  • Die Form ist ein Ergebnis. Sie steht am Ende nicht am Anfang eines Vorganges.
     

Dass eine Form das Ergebnis eines Prozesses ist, ist bedeutend anzumerken, denn heutiges, intellektuelles Denken geht häufig von einer umgekehrten Ansicht aus. So besteht beispielsweise die Annahme, dass das menschliche Gehirn, also die neuronale Substanz, die Gedanken und die Vorstellungskraft hervorbringt. Demnach erzeugt die Materie (das Gehirn) die geistige Bewegung und die Intelligenz. Unter Einbeziehung eines ganzheitlichen Menschenbildes mit physischem Körper, den Lebenskräften, dem Bewusstsein und einem unsterblichen Geist/Selbst ist diese Annahme jedoch nicht haltbar. In diesem Bild - und davon wird hier ausgegangen - erbauen geistige Kräfte mittels feinstofflicher Bewegungen die physische Substanz, vergleichbar mit dem, wie ein Architekt ein Bauwerk auch aus einer gedanklichen Leistung und verschiedenen Arbeitsschritten heraus erschafft. Das Gehirn, logisch gedacht, steht somit am Ende eines schöpferischen Vorganges, der im Geiste, oder wie der indische Yogin es eher formulieren würde, im Kosmos beginnt. In der praktischen Umsetzung des täglichen Lebens heißt das, dass das Gehirn, dass das Nervensystem Gedanken 'empfängt' jedoch nicht der Urheber, nicht der 'Sender' von Gedanken ist ... vergleichbar mit einem Radio in dessen Gehäuse ja auch nicht der Nachrichtensprecher sitzt, sondern welches Informationen aus dem Raum empfängt und über den Lautsprecher ausstrahlt.

 

So sagt die Weisheit der Sprache ja auch: 'Mir fällt etwas ein.' oder 'Mir kommt da eine Idee.'  Also da 'fällt etwas ein', da 'kommt etwas heran'., ... es kommt etwas von außen nicht von innen !  So läßt sich bei genauerem Hinsehen sagen, Formen der Natur und alle Ergebnisse menschlichen Handelns auf dem Erdboden sind Resultate von Vorgängen, die in einer geistigen Region, bzw. mit einer geistigen Tätigkeit beginnen.

 

Dass dem menschlichen Erleben einer Formgestalt auch immer eine Bewegung vorausgeht, lässt sich leicht feststellen, wenn man z.B. eine Bergformation betrachtet. Für das Wahrnehmen von Felsen, Graten, Rinnen, Flanken, Bergrücken, etc. muss das Auge an diesen Merkmalen entlanggehen, ... es muss sich an ihnen entlangtasten, entlang bewegen bevor die Vorstellung, bevor das gedankliche Bild und die Empfindung dazu erlebbar wird, ... wie am Foto mit den Berggipfeln leicht nachzuvollziehen ist.

 

 

2. Die Harmonie von Formen 

 

Wie entsteht nun die Harmonie von Formen ?  Wie entsteht, z.B. ein schöner Körper, wie eine ästhetische Bewegung oder eine freilassende Umgangsform zwischen Menschen ?  Worin besteht der Unterschied von Mensch und Pflanze, die die Harmonie scheinbar wie spielerisch hervorbringt ?

 

Die Frage nach dem Unterschied von Pflanze und Mensch bedarf sicher einer längeren Beobachtung und Auseinandersetzung. Eine kurze und nur knappe Antwort an dieser Stelle ist, dass die Pflanze ihre formbildenden Kräfte aus dem Licht und der Wärme des Kosmos, insbesondere der Sonne, empfängt (siehe dazu den Bericht der vorherigen Fortbildung > Teil 1/3). Der Mensch hingegen entwickelt diese Kräfte aus seinem Bewusstsein heraus eigenständig, bzw. lernt im Laufe seiner Entwicklung diese zunehmend bewusster zu entwickeln.

 

Jene formbildenden Kräfte des Bewusstseins bei sich selbst besser kennenzulernen entspricht zugleich einer grundlegenden Zielvorstellung des 'Neuen Yogawillen'. Damit verknüpft ist das praktische Ziel, mit der Yoga-Praxis, Formen als solche bewusster zu erleben und sie wertschätzen zu lernen. Denn, so referierte Heinz Grill während des Seminars, ...

Feine, unsichtbare Lebensprozesse verwandeln beständig die Formen und Farben
Der Sehsinn tastet die Formen ab, er 'bewegt' sich an ihnen entlang

 

"Formen wirken zurück auf das seelische Leben. Sie sollten erbauend
 auf die Psyche wirken."

 

Eine harmonische Bewegungsform, und damit auch eine Yoga-Haltung (asana), die erbauend auf die Psyche wirkt, besitzt neben der immer mitschwingenden persönlichen Note in der Ausführung, durchaus objektive Merkmale für ihre ästhetische Ausstrahlung. Was sind jene mehr objektiven Merkmale einer harmonischen Form ?

 

Um dieser Frage näher zu kommen, ist es interessant, ganz allgemein zu ergründen, wie sich deutliche Abweichungen von der harmonischen Mitte einer Form zeigen können. Das eine Extrem lässt sich mit Formlosigkeit benennen, das gegenteilige mit Festigkeit.

 

Für die Formlosigkeit lassen sich z.B. beim Menschen folgende Merkmale finden ...

  • Körperlich: weich, schwach, kraftlos, schlaksig, unkoordiniert, ...
  • Sprachlich: unstrukturiert, piepsig, unauffällig, ohne Aussage, ...
  • Im Verhalten: angepasst, 'nach dem Wind', schüchtern, zurückgezogen, ...
  • In der Ausstrahlung: profillos, 'blass', versunken, beziehungslos ...

 

Für die Festigkeit sind folgende Merkmale charakteristisch ...

  • Körperlich: starr, rigide, verspannt, unbeweglich, ...
  • Sprachlich: dominant, aggressiv, schrill, empfindungslos, ...
  • Im Verhalten: beherrschend, autoritär, egozentrisch, unnachgiebig, ...
  • In der Ausstrahlung: 'kalt', unbarmherzig, berechnend, empathielos ...

 

Vorübung zum Kamel - ustrasana

Was sind objektive Merkmale einer harmonischen Bewegung / Form ?

Übungspraxis
Entwicklung von harmonischen Formen und Form-Empfinden mit Yoga-Übungen

Bei der Ausführung des Flanken-Dreiecks (pārśva trikonāsana) kann für den harmonischen Aufbau der Stellung, die weder zu labil noch zu fest erscheinen soll, auf folgende Dinge geachtet werden …

  • Den rechten Fuß in der Linie mit der Mattenkante stabil und bewusst aufsetzen.
  • Das Becken aufdrehen, aktive Kraft ins Standbein bringen und mit Hilfe dieser Kraft das linke Bein hinten hochschwingen.  Phase 1
  • Über die Vorstellung einer zusammenziehenden Dynamik im Beckenraum wird der Stand stabiler und der Oberkörper gleitet leichter nach vorne aus.  Phase 2
  • Die geduldig gehaltene, bildhafte Vorstellung von Zentrierung nach innen ins Becken und Ausgleiten nach außen und vorne in Oberkörper, Arme ermöglicht es den Übenden, den Körper harmonisch in die Form zu führen.  Phase 3
  • Aus der Endstellung geordnet in die Ausgangsposition zurückkehren.  Phase 4

 

Was sind förderliche Erfahrungs- und Lernschritte bei dieser Vorgehensweise ?


In der 1. Phase, beim stabilen Aufsetzen des Standbeines, kann über eine bewusste Sinneserfahrung Stabilität erfahren werden. Diese bis zum Becken reichende Stand-Festigkeit ist jedoch nicht starr, sie wird durch die bildhafte Vorstellung einer natürlichen Gesetzmäßigkeit des Wasser-Elementes, die da heißt, 'Zentrierung und Ausfließen' in einer fließenden Dynamik gehalten und kann als solche unmittelbar erlebt werden (Phase 2). Eintretende Ruhe, Beobachtung der körperlichen Reaktionen und eine konzentriert gehaltene, bildhafte Vorstellung ermöglichen die Erfahrung, dass eine Bewegung in eine zunehmend klarere und harmonischere Form geführt werden kann (Phase 3).

 

Es ist wirklich eine sehr weitreichende Erfahrung damit verbunden ... Es ist die Erfahrung, dass letztendlich nicht der Körper die Form hervorbringt, sondern die geordnete und harmonische Vorstellung, also eine geistige Regsamkeit. Diese geht zum einen der Bewegung und des weiteren der Harmonie der physischen Form voraus. Es kann davon gesprochen werden, dass ein Inhalt, also eine in der Weltenschöpfung vorhandene, objektive Logik und Weisheit, durch den Übenden in eine Umsetzung, in eine Bewegung und in einen physischen Ausdruck gebracht wird.

 

  • Die Folge des  inhaltlichen Übens  sind immer Ruhe, Ordnung, eine feine Durchwärmung des menschlichen Gemütes sowie förderliche Impulse für
    eine gesunde, harmonische Körperhaltung. 

     
  • Ein wesentlicher Lernschritt ist dabei, dass man es selbst ist, der eine ästhetische Körperform erbauen und harmonische Verhältnisse erschaffen kann. Nicht die Übung hilft dem Menschen, sondern der Mensch selbst ist es, der eine Veränderung bewirkt.
     

Eine weitere praktische Erfahrung, die sicherlich jeder kennt, ist, dass zu Beginn einer Übung, insbesondere bei einer schwierigen, der Körper nicht so gut in die Form und Endstellung gebracht werden kann (siehe dazu den Ausdruck im ersten Bild, Phase 1). Eine Formschwäche zeigt sich zu diesem Zeitpunkt der Ausführung deutlicher. Warum ist das so ?  In diesem Moment sind weder die gedankliche Vorstellungskraft, noch die Bewusstheit für den Körper, noch seine Bewegungsmöglichkeiten und ein gezielter Kraftansatz in dem Maß entwickelt, mit denen sich eine harmonische Form bilden ließe. Aus diesen Gründen macht es durchaus Sinn, sich einer Übung länger und mit wiederholten Vorstellungen und Ausführungen (bis zu 3-5 Mal) zu widmen.

 

Flanken-Dreieck - Phase 1 / Stabilität
Flanken-Dreieck -Phase 2 / Formung
Flanken-Dreieck - Phase 3 / Endstellung
Flanken-Dreieck - Phase 4 / Rückführung

Beispiel für eine Yoga-Praxis, die mit einem 'Inhalt' in die praktische Ausführung geht.

 

 

Der Neue Yogawille

 

Die Vorgehensweise, eine Yogaübung in Verbindung mit einem Inhalt zu praktizieren, ist gemessen an der langen Tradition des Yogaweges neu und für die heute gängige Yoga-Praxis unüblich und ungewohnt. Sie ist methodische Grundlage des "Neuen Yogawillen". Der Neue Yogawille wurde von > Heinz Grill nach Jahren intensiver Auseinandersetzung und sorgfältiger Erforschung von physischen und seelisch-geistigen Zusammenhängen insbesondere für die heutige Zeit und den heutigen Menschen entwickelt.

 

Dass eine Körperhaltung neben subjektiven oder individuellen Merkmalen auch objektive Kriterien von Harmonie und empathischer Ausstrahlung besitzen kann, dürfte bei dem ein oder anderen Fragen aufwerfen oder sogar Widerspruch hervorrufen. Dieser interessierte Leser möge bitte nicht zögern, mit mir (Stefan Jammer) > Kontakt aufzunehmen. Ein Dialog ist sicher für beide Seiten fruchtbar und lehrreich.

 

Die Harmonie einer Körperhaltung zu suchen, sie von Mal zu Mal feiner auszuformen, wie ein Künstler sein Kunstwerk, fördert, so die praktische Erfahrung, nachhaltig die körperliche und psychische Gesundheit sowie das eigene Entwicklungspotential. Warum und wieso wird in den nächsten beiden Teilen erklärt.

 

--- Ende 1. Teil ---

 

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Heinz Grill - Begründer des Neuen Yogawillen, einer richtungsunabhängigen Form der Yogapraxis
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