Inhalte der 1. internationalen Yoga-Fachfortbildung 2017  (3. Teil)

- Wie das Form-Empfinden die Gesundheit und die Entwicklung des Menschen fördert -

 

Autor - Stefan Jammer  /  Juni 2017                                                                                                                                            > zum 1. Teil  /  > zum 2. Teil

 

 

4. Seelisch-geistige Zusammenhänge bei der Entstehung von Formen

 

Warum ist in der Yogapraxis das Erleben von Formen und ästhetischen Körper-haltungen von Bedeutung ?

 

Wenn der Yogaübende ein Bewusstsein für Formen entwickelt, sind seine Sinne und sein Denken aktiv nach außen gerichtet. Das Bewusstsein kann sich freier von körperlichen Bindungen bewegen und somit ausweiten. Ein Ideal des Neuen Yogawillen ist es, wenn das Bewusstsein bei den Übungen frei am im Sinne von: außen - am Körper arbeitet, vergleichbar wie ein Bildhauer an seinem Kunstwerk ... oder übertragen auf das Leben, wenn das Bewusstsein frei - im Sinne von: nicht verwickelt, ohne Vorurteile - auf eine Sache, einen Sachverhalt oder einen anderen Menschen zugehen lernt.

 

Eine neue Form entsteht durch Loslösung der alten

 

Ein großer, bedeutender Lernschritt ist es im weiteren, wenn der Yogaübende durch das Verständnis von Ideal, Form und Ausdruck einer Übung zu erfassen beginnt, wie eine neue Form aus der Loslösung einer früheren entsteht, ... wenn er bemerkt, wie etwas Altes zurückweichen muss, damit etwas Neues entstehen kann. In der Lehre der Energiezentren, der cakra, berührt man hier das Entwicklungspotential des 5. cakra, des vishudda-cakra, auf der Höhe des Kehlkopfes.

 

In einer der kommenden Fortbildungen in diesem Jahr soll dieser und weitere verborgene Wirkungsmechanismen im gesundheitlichen Zusammenhang untersucht werden. Wie können beispielsweise Stauungen und Wassereinlagerungen (Ödeme) im Körper mit Hilfe von asana-Übungen zurückweichen ?  Laut Erfahrungen von Heinz Grill hängen ca. 50 % der Stauungen im menschlichen Organismus mit der Leber zusammen und können mit einer rechten Konzentrationsentwicklung in der asana-Praxis gelindert werden. Der Lernschritt bei der hier angestrebten Konzentrationsentwicklung ist, über den Weg von der 'Loslösung des Alten' zwischen einem leichten, freieren Denken und einem schweren, intellektualisierten Denken unterscheiden zu können.

 

Das freiere, leichte Denken trägt in sich formgebende, harmonisierende Kräfte. Diese Formkraft und Entwicklungsmöglichkeit im Menschen korrespondiert in der cakra-Lehre des Ostens mit dem Potential des 6. Energie-Zentrums, dem ajna-cakra, auf der Höhe der Stirn.

 

Welche Bedeutung hat bei der Verwandlung von Formen das bewusst geführte und gesunde Grenzüberschreiten in der asana-Praxis ... und darüber hinaus im Leben ?

 

Das gesunde Grenzüberschreiten mit geistigen Vorstellungen, wie es beispielsweise in der Kopf-Knie-Stellung (pascimotthanasana) und der Waage (tuladandasana) (siehe Bericht, 2. Teil) wirkungsvoll praktiziert werden kann, ermöglicht dem Bewusstsein, das bisher im Leben in der Persönlichkeit Angelegte (kama, karma) zu übersteigen. Bezogen auf die Körperübungen heißt das, ein eingeschliffenes Bewegungsmuster zu Gunsten einer harmonischen Idee und Wahrnehmung, die neu von außen kommt, zu übersteigen. Eine neue Formidee kommt von außen heran. Ohne Grenzüberschreitung des Alten kann das Neue nicht herankommen und nicht wirksam werden. Das Neue in Form von neuen Gedanken und neuen Empfindungen wird mittels des willentlichen Grenzüberschreitens zum Eingreifen gebracht. Die angelegten Lebensenergien (Ätherkräfte, bzw. die prana- / apana-Ströme) organisieren sich zugunsten harmonischer Formen neu. Mit einem Fachbegriff aus der Anthroposophie lässt sich sagen: Der Lichtäther - mit der Anregung des Kieselsäureprozesses - wird zum Eingreifen gebracht.

 

 

Der Quarz (SiO2) und seine sauerstoff-haltigen Kieselsäuren bilden die physische Grundlage für das klare, schöpferische Bewusstsein oder in anderen Worten: für die Konzentration. Im Bild ist der Bergkristall, eine reine Form des Quarzes, zu sehen.

 

Als Kieselsäureprozess im mensch-lichen Organismus bezeichnet man vereinfacht gesagt den Vorgang der Neuformung von Zellstrukturen, Molekülen oder Geweben mittels der Sinnes- und Gedankentätigkeit. 

 

Zum Kiesel und zum Kieselsäureprozess siehe auch > AnthroWiki.
 

 

 

Der Form- und Strukturvorgang mit Abbau des Alten und Aufbau des Neuen findet an der Peripherie des Menschen statt

 

In einem längeren Referat führte Heinz Grill aus, wie die Gedanken- und Sinnestätigkeit zusammen mit dem körperlichen Stoffwechsel an der Bildung neuer Formen zusammenwirken.

 

Für das Erfassen und Erleben von Formen, muss der Mensch eine möglichst freie Wahrnehmung und Anteilnahme nach außen zum Objekt hin aufbringen. Dieser Akt der bewussten Anteilnahme ist Arbeit, er muss sich dafür immer wieder neu aufrichten und seine Sichtweisen und Gewohnheitsgrenzen übersteigen, damit neue Bilder, Ideen und Gedanken heranfinden.

 

Diese wache Anteilnahme führt zu notwendigen und wichtigen Abbau-Prozessen im energetischen Bereich des Menschen (Ost: apana-Ströme in prana-maya-kosha / West: Wärme-, Lichtäther-Wirken im Ätherleib). Dieser für das Auge verborgene Vorgang findet, nach geistigen Forschungsergebnissen von Heinz Grill, an der Peripherie des Menschen, an seiner Haut statt. Während Abbauvorgänge mit Gedanken- und Sinnestätigkeit von außen wirken (zentripetal), wirken Aufbauvorgänge des Stoff-wechsels von innen her (zentrifugal). Das Zusammenwirken beider Vorgänge bildet die neue Form aus. Im Idealfall sind die beiden Prozesse ausgewogen. Sie erzeugen einen Zustand der harmonischen Mitte.

 

Den gesunden Zustand der Ausgewogenheit beider Prozesse herzustellen, sollte Ziel einer ästhetischen Yogapraxis sein. Außen, d.h. arbeitendes, waches Bewusstsein, und Innen, d.h. Vitalität, Energiefluss, sollten rhythmisch und ausgleichend zusammen-wirken. 

 

Was geschieht, wenn Gedanken- und Sinnestätigkeit überwiegen ?  
Was geschieht, wenn Vitalität überwiegt ?

 

 

Erklärung der indischen Sanskritbegriffe


prāṇa = Atem, (aufsteig.) Lebensenergie

apāna = absteigende Lebensenergie

maya = Affix, Bedeutung: "bestehend aus"
kośa = Hülle, Überdeckung, "Leib"

upaniṣad = Schluß-Schriften der Veden 

 

In den upaniṣad werden 5 Koshas, die das höhere Selbst (ātman) umhüllen, beschrieben. Die äußerste Hülle ist der physische Körper, annamaya-kośa, die zweite, die Hülle der Lebensenergie, prāṇamaya-kośa, sie belebt, baut ab und formt den physischen Körper. Die dritte Hülle, manomaya-kośa, ist noch feiner, hier findet z.B. Sinnestätigkeit statt. Die vierte, vijñānamaya-kośa, ist abermals feiner, hier zeigt sich das erkennende Denken. Die ānandamaya-kośa, wird die Hülle der Glückseligkeit genannt. Als feinste Hülle steht sie dem Selbst am nächsten. Das Selbst, der ātman, bleibt immer getrennt von den Hüllen und unberührt von ihren Eigenschaften.


Quelle: Martin Mittwede, Spirituelles Wörterbuch Sanskrit-Deutsch, 1992

5. Wie entstehen durch den Menschen ästhetische Bewegungs- und Begegnungsformen ?

 

Wann ist der Mensch schön, im Sinne einer ästhetischen, auf geistigen Gesetzen beruhenden Form ?  Was sind objektive Erkennungsmerkmale ?  

(Eine mögliche Antwort ist unten im Anhang C beschrieben.)

 

Gesetzmäßigkeiten des Ätherleibes 

 

Ästhetische Formen im äußeren Leben, z.B. der Körperbau, Körperbewegungen oder auch soziale Begegnungsformen, beruhen u.a. auf verborgene Gesetzmäßigkeiten des feinstofflichen Energie- oder Ätherleibes. Die zentrale Gesetzmäßigkeit des Ätherleibes bewegt sich in einer Zweiheit, in 'Formauflösen' und 'Formaufbau'. Dieses für das sichtbare Auge verborgene Geschehen geschieht an der Peripherie. Vom äußeren Auge her lässt sich denken, eine Pflanze oder ein Kind wachsen 'linear', also immer gleichmäßig fortschreitend. In der Tiefe des Geschehens zeigt sich jedoch für das hellsichtige Auge jener ständige Wechselprozess zwischen 'Zurückweichen' (Abbau) und 'Vitalschub' (Aufbau). Hier wirken die formbildenden (Äther-) Kräfte zusammen.

 

Im Menschen findet eine Neubelebung der ästhetischen und gesunden Formbildekräfte dadurch statt, dass der Mensch mit aktiven Sinnen und Gedanken komplett von sich weg auf etwas Äußeres zugehen lernt. Dies regelmäßig zu üben, ganz konkret 1x am Tag, z.B. mit freier und objektiver Betrachtung einer asana, ist für das ästhetische Empfinden und im weiteren für die körperliche Gesundheit ausgesprochen sinnvoll.

 

Zu der Idee der gedanklichen Neubelebung gab Manuela Maria Wahlbrühl (Yogalehrerin, Pädagogin) mit ihrem Vortrag ein interessantes Beispiel. Über eine begriffliche Erweiterung und Differenzierung der feinen Lebenskräfte des Ätherleibes regte sie bei den Zuhörern ein bildhaftes Denken an, was über das bekannte Wissen hinausging. Sie regte damit den Kieselsäureprozess an. Zum Nachlesen sei hier ihre schriftliche Ausarbeitung mit Text und Bildern im Anhang B (siehe unten) empfohlen.

Die begrenzenden Kräfte des Lichtäthers

 

Eine Form wird schön, wird ästhetisch, wenn Innen und Außen zirkulieren, wenn vitale Kräfte mit Bewusstseinskräften rhythmisch zusammenwirken. Würde z.B. nur Vitalität gefördert werden oder nur energetische Aufladung, wäre das die Förderung von Wucherwachstum. Die strukturgebenden Kräfte wären reduziert.

 

Hierzu ein Beispiel aus der Natur. Das Licht mit seiner verborgenen Feinstofflichkeit, dem Lichtäther, sorgt dafür, dass eine Pflanze ihre Struktur erhält. Reduziert sich dies, z.B. durch einen Standortwechsel oder Witterungseinflüsse, beginnt eine Pflanze nach oben zu 'schießen'. Im Bild rechts ist ein Oregano zu sehen. Zu Beginn seines Wachsens stand er an einem hellen Standort. Im unteren Teil der Pflanze erkennt man noch gut den dichteren und natürlich geformten Wuchs. Dann stand die Pflanze an einem Ostfenster mit wenig Lichteinwirkung. Im weiteren Wachstum schießen die Stängel nach oben, der Blattabstand wird deutlich größer. Die strukturgebenden, abbauenden Lichtkräfte sind im Verhältnis zu gering, die Vitalität wird somit nicht abgebremst. Die Pflanze wuchert und verliert ihr harmonisches Gleichgewicht zwischen den unteren und oberen, zwischen den vitalen und begrenzenden Lebenskräften.

 

Wie ist das beim Menschen ?  Ein vitaler, energetischer Mensch kann ein bemerkens-wertes Charisma ausstrahlen jedoch auch gleichzeitig einen Raum übergriffig besetzen. Raumöffnend, freilassend und empathisch hingegen erscheint ein Mensch, wenn sein Bewusstsein frei nach außen geht, wenn eine entgegengehende, wache Sinnes- und Gedankentätigkeit seine Vitalität harmonisch begrenzt.

 

Erklärung anthroposophischer Begriffe ...

 

Der Begriff Ätherleib ist Ausdruck für die feinstofflichen Lebenskräfte, die den menschlichen Körper beleben und ihn beständig umgestalten. Im Kontext der Yogalehre entspricht dies in etwa der pranamaya-koshaÜberall dort wo Zellen abgebaut und neue aufgebaut werden, sind die Kräfte des Ätherleibes beteiligt. Es werden 4 Ätherkräfte unterschieden: Wärme- und Lichtäther als die zwei oberen sowie Chemischer- und Lebens-Äther als die zwei unteren. Das Menschenbild im Gesamten gliedert sich in phys. Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich/Selbst auf.

Ein zu geringer Einfluss des Lichtes reduziert die formgebenden Kräfte. Die stärkeren Vitalkräfte lassen die Pflanze nach oben in den Raum schießen.

Das Ideal der gewaltfreien Bewegung und freilassenden Begegnung

 

Ziel eines Yogakurses - der ästhetische Bewegungen und soziale Fähigkeiten fördern möchte - sollte sein, dass sich ein Formempfinden bei den Teilnehmern unter ausgewogenen Verhältnissen entwickelt. Ablesbar ist dies z.B. am Bild der Körper-haltungen, ihres Ausdrucks sowie an sozialen Begegnungsformen. Ein frei vermitteltes Formempfinden zeigt sich beim Gegenüber z.B. an Augen, die wahrnehmend und kontaktsuchend sind, ohne übergriffig zu sein oder an einer Körperhaltung, die sich weder von der Außenwelt abschließt noch den Raum vital einnimmt. Für dieses Ziel braucht es vom Yogalehrer für Teilnehmer eines Kurses die Anleitung konkreter und nachvollziehbarer Lernschritte.

 

Der Lernschritt für den Yoga-Unterrichtenden ist dabei, ein Thema mit Hilfe von geeigneten Vorstellungen (Gedanken) und Sinnesanregungen führen zu lernen. Dieses Anleiten und Führen steht unter dem Ideal der Gewaltlosigkeit. Im raja-yoga nach Patanjali wird das ahimsa genannt. Gewaltlosigkeit in diesem Verständnis charakterisiert eine innere Haltung. Diese innere Haltung des Yogalehrers ist notwendig damit sich harmonisch wirkende Lebenskräfte ihrer Natur nach harmonisch entfalten können. Der Formerkraftung mittels dieser feinen Ätherkräfte liegt kein verhärtendes oder übergriffiges Prinzip zugrunde. Bei der Ansage, Hilfestellung oder Korrektur einer asana ist deshalb die klare und freilassende Übertragung des idealen Bildes entscheidend und diese drückt sich in der Gesamthaltung des Yogalehrers aus.

 

Je freier die innere Haltung des Yogalehrers ist, je mehr unangemessene Begehrensformen (kama-Formen) zurückweichen, umso freier kann das Formempfinden für eine Haltung oder Bewegung vermittelt und vom
Teilnehmer aufgegriffen werden.

 

In der Bhagavad Gita finden sich zu der Entwicklung von Gewaltlosigkeit, von der Loslösung von Begehrensformen zu der Entwicklung einer freien Ich/Selbst-Form, folgende weisheitsvolle Verse ...

 

"Umschlossen ist das Erkennen, o Kaunteya, von diesem ewigen Feind der Erkenntnis. In Gestalt des Begehrens ist er ein unersättliches Feuer." (BG III, 39) "Indem du zu dem Höchsten erwachst durch jenes Verstehen, das noch über
dem urteilenden Verstand steht, und Macht ausübst auf das Ich
[Anm.: Hier
im Sinne von Ego gemeint] durch das Selbst, um es fest und still zu machen, erschlage, o Starkarmiger, diesen Feind in Gestalt des Begehrens, den man so schwer zu fassen bekommt." (BG III, 43)

                               (Quelle: Deutsche Übersetzung, Hinder+Deelmann, 1988, nach Sri Aurobindo)

 

Diese Zeilen umgesetzt auf die konkrete asana-Praxis bedeutet ... 

  • Übe Gedanken und Sinne zu führen. (Führung durch das Selbst / höhere Ich)
  • Übe dich im gesunden Grenzüberschreiten gewohnter Verhältnisse
  • Übe in der Praxis, den phys. Körper und seine Energien 'in Ruhe' zu lassen.
  • Übe den Gedanken / das Ideal in der Konzentration zu halten.

     

 

Hilfestellung beim gedrehten Dreieck.

Die Idee des bewussten Ausspannens zwischen den Schulterblättern nach oben und unten wird mit Berührung an der oberen Brustwirbelsäule und einem leichten Zug des oberen Armes angeregt.

 

Diese praktische Hilfestellung an der Teilnehmerin folgt dem inneren Ausdruck der Übung. Es ist das Bild, dass eine höhere Idee in die weltliche Umsetzung durch den Menschen selbst kommt. Der einzelne Mensch mit seinem Ich/Selbst ist in der Lage, Geist und Welt aktiv zu verbinden. Im Bild der Übung ist das die mit dem Brustkorb aktiv ausgespannte vertikale Linie mit den Armen.

Übungspraxis
Die Übung, von einem Ideal (dem Gedanken) zur Form freilassend zu arbeiten

In der Übungspraxis mit den asana ist der Unterschied erfahrbar, wie der eigene Willenseinsatz den Körper in eine Form zwängen oder ihn bei der Gestaltung der Bewegung frei lassen kann. Um ahimsa, die Gewaltlosigkeit in einer Bewegung umzusetzen, sucht der Übende nach der unmittelbaren Nähe zu dem Bild und Gedanken der Übung. Mittels der geführten Aufmerksamkeit der Sinne und geeigneter Vorstellungen wird die angestrebte Form und Haltung gesucht.

 

Für die Gestaltung einer Harmonie in der Bewegung orientiert sich der Übende an den fein angelegten Äthergesetzen, an den Formbildekräften. Er erforscht wie diese arbeiten, um eine Bewegung zunehmend weniger aus den gegebenen Anlagen (kama, karma) heraus rein vital zu praktizieren sondern aus der unmittelbaren Vorstellungskraft heraus neu zu formen.

 

Eine mögliche methodische Vorgehensweise für die Umsetzung von ahimsa mittels harmonischer Kriterien der fein angelegten Formbilde- bzw. Ätherkräfte ist …

  1.  Aufgreifen des Gedankens oder Ideals einer asana
  2.  Bilden geeigneter Vorstellungen für die Ausführung
  3.  Ruhiges Empfinden dieser Vorstellungen
  4.  Ergreifen des Körpers nach sinnvollen und gesunden Kriterien
  5.  Ausbilden und Halten der möglichen Endstellung, der Form
  6.  Bewusstes Zurückführen des Körpers in die Ausgangsstellung
  7.  Reflektion der Ausführung und Wiederholung

 

Bei der Ausführung des Drehsitzes (matsyendrasana) rechts, ist das Bild gewählt, im Beckenraum die Beine heranzuziehen, zu zentrieren und den Rücken im Lot aufsteigen zu lassen (Phase 1). Unter Bewahrung einer sensiblen Offenheit am Schultergürtel-Kopf-Bereich sodann eine klare, aktive Formung der Drehung am Oberkörper ausführen (Phase 2). 

 

Was bedeutet dieses Bild ?  Der Kopf ist Sitz der Ideen- und Feuerkraft des freien Gedankens. Hüfte und Beine sind in einer ausfließenden und zugleich zusammen-ziehenden Dynamik, die der Lebenskraft des Wassers entspricht. Diese Ausführung des Drehsitzes entspricht einer feinen Abstimmung der Ätherkräfte des 6. Energie-Zentrums an der Stirn mit dem 2. Zentrum im unteren Bauchraum. Allgemein liegen dieser Übungsweise seelische Bilder und die Gesetze der Ätherkräfte zugrunde.

 

Möchte man eine fortgeschrittene asana,  wie z.B. den Spagat (hanumanasana) einüben, dann ist es sinnvoll, sich für die Idee eines 'kraftvollen' Zusammenziehens im tiefen Beckenraum (1. cakra) sowie leichten Aufsteigens des Oberkörpers in die Vertikale einige vorbereitende Übungen vorzunehmen. Die allgemeine Idee dabei: Es soll sich einerseits eine gedankliche Vorstellung leicht und rhythmisch aufbauen, sich wie 'auskristallisieren'; dies entspricht dem mentalen Konzentrationsvorgang. Andererseits sollen die körperlichen Voraussetzungen für eine anspruchsvolle Bewegungsform geschaffen werden; dies entspricht dem körperlichen Training.
 

Phase 1 - mentale Vorbereitung
Phase 2 - aktive Ausformung

 

Zwei gegensätzliche Wege der Atem-Praxis im heutigem Yoga

 

Im weiteren Seminarverlauf wurde der gedankliche Bogen von der ästhetischen Körper-bewegung zur Atmung gespannt. In der fortgeschrittenen Yogapraxis ist sowohl für einen Teilnehmer als auch für den Yogalehrer folgende Frage tiefgreifend und zugleich ungewöhnlich:  Was lebt im Atem ?

 

In einem detaillierten Referat führte Heinz Grill Ergebnisse seiner geistigen Forschungen aus: Die Atmung ist beim Menschen ein tief verwurzelter Willensvorgang. Im Willensleben des Menschen leben zwei zentrale Bedürfnis-, bzw. Begehrensformen. Zum einen das Bedürfnis nach Leben und damit das Wollen, mit der Atmung die Lebensfunktionen aufrecht zu erhalten. Zum anderen leben unbewusste Begehrens-formen im Wollen des Menschen, im Sanskrit kamarupa genannt. Es liegen also neben dem Lebenswillen noch gebundene Kräfte des Verlangens im Willens- und damit auch im Atemleben des Menschen.

 


Ein tiefes Ziel des Yogaweges im Allgemeinen ist es, Begehrensformen, die im Menschen zu Bindungen und Unfreiheit führen, in freiheitlichere Formen zu verwandeln. In den frühen Yoga-Traditionen wurde dafür der Weg der körperlichen, energetischen und seelischen Reinigung (kriya) mittels verschiedener Techniken, Rituale und Verhaltensweisen (yama, niyama) vorgenommen. Für das Auslöschen, besser 'Ausbrennen', der Begehrensformen dienten damals unter anderem die Techniken der Atemlenkung und Atemkontrolle (pranayama). Dies hatte zur (gewünschten) Folge, dass sich der Yogin seinerzeit tendenziell von den irdischen Bedingungen, die die Begehrensformen anheizten, entfernte.

 

Für den heutigen Menschen scheint diese Praxis aus mehreren Gründen nicht mehr sinnvoll und gangbar. Zum einen hat sich über die Jahrhunderte die Konstitution des Menschen verändert, so dass diese Techniken, die damals schon anspruchsvoll anzuwenden waren, heute das psychische Gleichgewicht mit intensiver energetischer Arbeit schnell aus dem Lot bringen können. Zum anderen braucht der Mensch heute zu seiner seelisch-geistigen Entwicklung die Beziehung zu seinen Mitmenschen. Ein psychischer Rückzug mit Reduzierung der Persönlichkeit würde heutzutage die Entwicklung behindern. Rudolf Steiner hat diese Problematik der frühen Yoga-Techniken für den heutigen Menschen in einem Vortrag fachlich detailliert beschrieben.2) 

 

Nach den Erkenntnissen von Heinz Grill ist eine regelmäßige pranayama-Praxis für die Konstitution des heutigen Menschen erst dann förderlich, wenn dieser in seiner Persönlichkeit ein gutes Maß an weit orientierter Beziehungsfähigkeit und im Leben eine ausreichende objektive Erkenntnisbildung ausgeprägt hat. 1, S. 212)

 

Heinz Grill hat aufgrund der veränderten Grundkonstitution zwischen Körper, Seele und Geist des modernen Menschen eine neue Übungsform entwickelt, die nicht mehr den Atem mit den körperlichen Bedingungen aneinander koppelt, wie es traditionell früher, z.B. mit den pranayama-Techniken (ujjayi, kapalabhati, nadi shodhana, ...), getan wurde. Aus diesem Grunde nennt er den Yogaansatz 'Ein neuer Yogawille' und meint damit eine grundlegende Änderung der Zielrichtung und Vorgehensweise bei der Yoga-Praxis im Gegensatz zu früher. Der Neue Yogawille ist deshalb kein neuer Yogastil ausgehend von alten Traditionen und auch kein neuer Trend. Er ist aus einer völlig neuen Idee des individuellen Selbstwerdens heraus entwickelt.

 

Heutige Formen der Yogapraxis, die eine intensive Kopplung von Bewusstsein, Atem und Körper suchen, z.B. die Synchronisation von Atem und Bewegung oder intensive pranayama-Praxis, steuern ohne objektive Erkenntnisschulung in den Körper hinein und führen somit unter dem materiellen und nutzenorientierten Geist unserer Zeit wohl in vielen Fällen zu neuen Begehrens-und Abhängigkeits-Formen, z.B. Hyper-Sensibilität. Sie stellen somit keine Loslösung von kama und karma dar, sondern fördern tendenziell das Gegenteil.

 

Mit der 'Freien Atemschulung' 1) ist der Ansatz zu einem neuen Evolutionsprozess gegeben, der aus Gedanken und Vorstellungen heraus "am" Körper arbeitet und nicht den Ansatz aus dessen physisch-energetischen Anlagen heraus nimmt. Durch diese Vorgehensweise kann ein Übender heutzutage langsam eine natürliche Loslösung von unangemessenen Bindungs- und Begehrensmustern anstreben. Er kann zu neuen, ästhetischen Bewegungsformen sowie zu freiheitlicheren und selbstständigeren Lebensgefühlen finden. Die Kenntnisse der verborgenen Äthergesetze sind dafür ein Schlüssel.

 

Für zukünftige, an unsere Zeit angepasste, geistige Entwicklungsschritte in der Persönlichkeit - insbesondere mit sozialen Kompetenzen - ist die Unterscheidung der Übungsformen besonders für Yogalehrer wichtig zu verstehen. Mit dieser Erkenntnis hat dieser die Möglichkeit, freier auf Teilnehmer zuzugehen und zugleich aktiv den Unterricht zu formen, ohne übergriffig oder manipulierend zu werden. Mit der Idee des freien Atems kann er die im Yogaweg angestrebte Gewaltlosigkeit (ahimsa) zum einem direkt am Körper und in der Bewegung erleben, zum anderen kann er sie authentisch vermitteln sowie im sozialen Miteinander in die Umsetzung bringen.

 


 

1) Der freie Atem und der Lichtseelenprozess, Heinz Grill, 2017

2) Wege der Übung, Hrsg. S. Leber, 1994, Die alte Yoga-Kultur u. der neue Yogawillen

 

 

Erklärung der indischen Sanskritbegriffe


prāṇa = Atem, allg. Lebensenergie

yāma =  Zügel, Kontrolle

karma = Tat, Konsequenz einer Tat

kāma = Begierde, Verlangen, Wunsch

kāmarūpa = Begehrensform

ahiṃsā = Gewaltlosigkeit

kriyā = Anwendung, Ritual, Arbeit

Praxis der Atemsteuerung
asana-Praxis mit Idee des freien Atems

 

 

Vergleicht man den Ausdruck beider Übenden erkennt man Unterschiede
in der Art der Ausstrahlung. 

6. Abschließende Gedanken und Ausblick

 
Das Seminar hat gezeigt, dass für eine glückliche Umsetzung von ästhetischen Idealen und Werten - sei es bei einer Körperbewegung oder bei einer Begegnung zwischen Menschen - erst einmal das Verständnis für harmonische Formen wichtig ist. Je mehr das Verständnis und in Folge die Erkenntnis um Formen und ihre Entstehung wächst, umso leichter und förderlicher gelingt die Umsetzung in der asana-Praxis und im zwischenmenschlichen Bereich. Aus diesem gefühlten Verstehen entwickeln sich über die feinen Lebensenergien (über den Ätherleib) Impulse, die die körperliche Gesundheit signifikant fördern.
 
Eine Bedeutung nimmt dabei das eigene Selbstverständnis des Übenden, bzw. des Yogalehrers ein. Es ist das Selbstverständnis eines unabhängigen, sich langsam entwickelnden Ich's oder Selbst in der eigenen Person, das ihn befähigt, alte, nicht mehr brauchbare Formen loszulassen und neue, gesunde Formen mit Hilfe von idealeren Gedanken und Vorstellungen in die praktische Umsetzung zu bringen. 
 
Für die nächsten Yoga-Fachfortbildungen soll deshalb das Thema der Individualisierung, der Ich-Werdung über den Weg von freierer Gedankenbildung fortgesetzt werden. So läßt sich z.B. die Individualisierung des Menschen über den Weg des Verständnisses der Verdauungsprozesse, insbesondere des Proteinprozesses studieren und zunehmend besser verstehen. Denn jeder Mensch hat, bzw. bildet sein individuelles Eiweiß.
 
Ein weiteres Thema in diesem Zusammenhang, welches nur kurz bei dieser Fortbildung angeschnitten wurde, ist wie bei der Entstehung von neuen Formen durch Bewegung die Wärme beteiligt ist. Welche Rolle spielt im Detail die Wärme, besser der feinstoffliche Teil der Wärme, der Wärmeäther bei der Formverwandlung und konkret in der asana-Praxis ?
 
Für den Fortschritt in der ästhetischen asana-Praxis ist die Funktion und Aufgabe des Bindegewebes und seine Beziehung zur Gedankenbildung, zur Konzentrationsfähigkeit interessant zu betrachten. Welche Bedeutung haben zudem die Faszien für die körperliche Gesundheit ?
 
Nicht zu kurz kommen sollen praktische Überlegungen, welche förderlichen pädagogischen Möglichkeiten sich für den Yoga-Unterricht eröffnen, wenn das Verständnis für Formentstehung und Formempfinden bei Teilnehmern angeregt werden soll. 
 
 
 
 
Anhang A - Sanskrit-Verse aus der Bhagavad Gita
Anhang B - Referat zu den Bildekräften des Ätherleibes
Anhang C - Zusammenstellung der behandelten Fragen

siehe unten ...
 

Anhang  A

 

Sanskrit-Verse aus der Bhagavad Gita

 

Als PDF-Datei zum Download hier eine Zusammenstellung der während des Seminars verwendeten Sanskrit-Verse der Bhagavad Gita mit Übersetzung der einzelnen Sanskrit-Wörter. Autorin ist Simone Lindermayr.

 

Download
Verse aus der Bhagavadgita.pdf
PDF-Dokument [41.8 KB]

Anhang  B

 

Referat zur begrifflichen Erweiterung des Lebenskräfteleibes (Ätherleib)

 

Als PDF-Datei zum Download hier das Referat von Maria Manuela Wahlbrühl. Sie behandelt die begriffliche Erweiterung und Differenzierung der feinen Lebenskräfte des Ätherleibes im Sinne des anthroposophischen Menschenbildes.

 

Download
Referat M. Wahlbrühl - Ätherleib.pdf
PDF-Dokument [4.0 MB]

 

 

 

Anhang  C

 

Zusammenstellung der behandelten und zur Vertiefung geeigneten Fragestellungen ...

 

1.  Der Begriff der Form  (Teil 1)

Wo im Leben des Menschen spielen Formen eine Rolle ?

Welche Formqualität kann eine Yogaübung, eine asana einnehmen ?

Was ist eine harmonische Form einer Körperbewegung ? 

Wo kann es zu gesundheitlichen Problemen bezüglich der Form im menschlichen Organismus kommen ?

 

2.  Die Entstehung von Formen  (Teil 1 und 2)

Wie entsteht eine Form ?

Aus welcher Dimension entsteht sie ?

Wie wird eine Form, wie wird eine asana ideal ? 
Wie ist das für den Übenden zu erleben ? 
Welche Unterschiede gibt es bei der
asana-Praxis zwischen einer zu festen und einer zu weichen Form ? 
Was fehlt bei einer zu festen oder zu weichen Form ? 
Was fehlt bei körperlicher Perfektion ? 
Wie kann "harmonisches Formen durch das Bewusstsein" verstanden werden ?

Warum ist für den Yoga-Übenden die Beschäftigung mit Formen und den Kräften, die sie bilden überhaupt erwähnenswert

und interessant ?  

Welche Unterschiede im Ausdruck der Körperhaltung ergeben sich tendenziell bei einem materiellen, kosmischen oder schöpferischen Menschenbild ?

Welche Bedeutung hat die Wärme bei der Entstehung neuer Bewegungen und Formen ? 

 

3.  Das Formerleben und seine Bedeutung für die persönliche Entwicklung  (Teil 2)

Wie kann ein Yoga-Unterricht aussehen, der das Formerleben und die persönliche Entwicklung fördert ?  

Welche Wirkung hat die Konsumhaltung auf das Bewusstsein ?

Welche Wirkung hat die exakte Synchronisation von Bewegung und Atmung auf das Bewusstsein ?   

Wo liegt die Tücke einer Formulierung wie: "Geh' nur so weit wie es dir gut tut." ?

 

4.  Seelisch-geistige Zusammenhänge bei der Entstehung von Formen  (Teil 3)

Warum ist in der Yogapraxis das Erleben von Formen und ästhetischen Körperhaltungen von Bedeutung ?

Welche Bedeutung hat dabei das bewusst geführte und gesunde Grenzüberschreiten in der asana-Praxis und im Leben ?

Welche Prozesse sind wie am Aufbau von Formen beteiligt ?

Was geschieht, wenn Gedanken- und Sinnestätigkeit überwiegen ?  
Was geschieht, wenn Vitalität überwiegt ?

 

5.  Wie entstehen durch den Menschen ästhetische Bewegungs- und Begegnungsformen ?  (Teil 3)

Wann ist der Mensch schön, im Sinne einer ästhetischen, auf geistigen Gesetzen beruhenden Form ?  

Was sind objektive Beschreibungsmerkmale ?  

  • Es ist eine Form, die weder zu fest noch zu schwach ist, die weder abgeschlossen, zurückgezogen noch dominant und raumfordernd wirkt.
  • Der Körper hat eine sympathische, sich nach außen mitteilende Ausstrahlung bei gleichzeitiger Zentriertheit. Lichtäther strahlt entgegen.
  • Der Körper wird selbst in einer Anspannung "in Ruhe gelassen". Somit kann der Mensch über das Bewusstsein freier am Körper arbeiten und aus Ruhe und Überblick entscheiden, wo er den Körper in Richtung einer neuen Form harmonisch erweitern kann. Ein formgebender Impuls wird sichtbar. Körperfreiheit wird sichtbar.
  • Gewohnheiten und drängende Willensimpulse werden zu Gunsten eines neuen Ideals losgelassen. Damit werden ätherische Ströme freigesetzt, ohne in diese selbst einzugreifen.

Wie ist Gewaltfreiheit (ahimsa) in Bezug auf die Körperbewegung zu verstehen ?

Welche Merkmale hat Gewaltfreiheit in der zwischenmenschlichen Begegnung, z.B. im Yogaunterricht bei einer Hilfestellung ?

Welche Kräfte leben im Atem ?

Warum beeinflusst die Art des Umgangs mit dem Atem die Form der Bewegung ?

Warum beeinflusst das Verständnis der Atmung die Form der Begegnung zwischen Menschen ?

 

 

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