Inhalte der 1. internationalen Yoga-Fachfortbildung 2017  (2. Teil)

- Wie das Form-Empfinden die Gesundheit und die Entwicklung des Menschen fördert -

 

Autor - Stefan Jammer  /  Juni 2017                                                                                                                                                   > zum 1. Teil  /  > zum 3. Teil

 

 

2. Die Entstehung von Formen (Fortsetzung)

 

Warum ist für den Yoga-Übenden die Beschäftigung mit Formen und den Kräften, die sie bilden überhaupt erwähnenswert und interessant ?  Man könnte ja sagen: "Mir genügt bei der Yoga-Praxis die Anleitung einer Übung und ggf. eine körperliche Hilfe-stellung, mehr brauche ich nicht. Die gewünschte Wirkung entsteht doch über den Körper und seine Energien. Der theoretische Überbau bringt doch nichts und verwirrt bloß."  

Oder eine andere Person, die sich mit den philosophischen Hintergründen des Yoga-Weges beschäftigt, könnte im gegenteiligen Sinne zur Ersten sagen: "Warum diese intensive Auseinandersetzung mit dem Körper, diese lenkt doch nur vom Eigentlichen, von der Einheit von Körper, Seele und Geist ab. Letztlich sind wir nach der advaita vedanta Lehre von Shankara doch alle nicht-duale Wesen und somit in einer geistigen Einheit. Warum den Körper so wichtig nehmen ?"

 

Verschiedene Menschenbilder, verschiedene Ideen der Selbstverwirklichung und ihre Auswirkungen auf die Formstrukturen

 

Wie kommt man hier zusammen ?  Für einen verbindenden Dialog verschiedener Yoga-Stile und Ansichten macht es erfahrungsgemäß Sinn, gleich zu Beginn das zugrundeliegende Menschenbild zu charakterisieren. Der erste Ansatz geht von einem materiellen oder anthropozentrischen Weltbild aus. Gemäß dieser Anschauung entwickelt sich alles aus der Materie heraus. Die Physis mit Herz- und Gehirnfunktionen erzeugt das menschliche Gefühl, erzeugt das Denken und letztlich auch den Geist. So nimmt der Körper eine wichtige Rolle ein.

 

Das zweite Menschenbild geht von der Einheit, von einem sogenannten kosmozen-trischen Ansatz aus. Die Trennung von Subjekt (Ich) und Objekt (z.B. der Körper) ist demnach letztlich eine Illusion, eine Täuschung (māyā). Der Körper als physische Gestalt verliert bei dieser Betrachtungsweise verständlicherweise an Bedeutung.

 

Der von Heinz Grill gegründete Neue Yogawille geht weder von einem materiellen noch von einem kosmischen Menschenbild aus. Dieser geht vom Bild des schöpferischen Menschen aus, der zwischen Geist/Kosmos und der materiellen Welt vermitteln und selbstständig verbinden kann. Für diesen Menschen ist die Wahrnehmung von beiden Polen, von der seelisch-geistigen Welt und der materiellen Welt, von hohem Interesse. 

 

Für Letzteren ist es somit aus fachlichen und ethischen Gründen interessant zu wissen, was sein Handeln in der irdisch-materiellen Welt bewirkt, also, welche Formen mit seinem Denken, Fühlen und Wollen entstehen. Dieser fragt sich: "Wie harmonisch ist der Ausdruck meiner Sprache, wie verbindend ist mein soziale Verhalten, wie werden die Mitmenschen angesprochen, welche Ästhetik entsteht mit meinen Körper-Bewegungen, usw. Die Idee, die hier zugrunde liegt ist, dass der Geist - die Gedanken - die materielle, äußere Wirklichkeit erschaffen.

 

Im Yoga gibt es ja das Ziel der Selbstwerdung und Selbstverwirklichung. Wie ist dieser Begriff in Verbindung mit den drei dargestellten Menschenbildern zu verstehen ? Welche Ausdrucks-Formen entstehen jeweils ?

 

Der materiell orientierte Mensch oder dieser "Anteil" im menschlichen Wesen, sucht nach dem Aufbau von materiellen Werten und Gütern, nach bedeutenden Titeln beruf-licher Qualifizierung, nach Anerkennung bei den Mitmenschen oder er mißt seinen Erfolg beispielsweise an der aufgesammelten Kraft und Lebensenergie, die er sich durch verschiedene Techniken aneignet. Er bevorzugt einen vitalen Aufbau. Er sucht eventuell nach machtvollem Einfluss auf andere Menschen und mitunter den zwanghaften Erhalt von materiellen Strukturen in der Welt.

 

Der rein zum Geist hin orientierte Mensch oder "Anteil" hingegen, orientiert sich tendenziell an dem Verzicht, an den Möglichkeiten der Askese und des Rückzuges aus den irdischen Verhältnissen. Er sucht mehr nach der Abschwächung seiner Individualität in der eigenen, tieferen Innenwelt seines Wesens, um vielleicht in einer universalen Wirklichkeit aufzugehen. Er bevorzugt dabei den Abbau oder zumindest die Reduzierung von weltlichen Reizen und Formstrukturen. Die östlichen und westlichen Einsiedler oder Klostertraditionen sind dafür Beispiele.

 

Das Ideal einer menschlichen Entwicklung, in der der Mensch harmonische, sich immer wieder neu an Zeit und Umstände angepasste Lebensbereiche erschafft, suchen, bzw. erfüllen die beiden ersten Ansätze bei genauerem Betrachten nicht. Der rein materielle Ansatz führt tendenziell zu verhärtenden, polaren Strukturen, wie sich leicht an den augenblicklich vorhandenen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen ablesen läßt. Der zum Geist oder nach Innen fliehende Ansatz hingegen tendiert zum Herausgehen aus Verantwortung und zur Abkehr von kreativer Gestaltungsarbeit in der Welt.

 

Eine Antwort ist, dass der Mensch kraft seiner eigenen Individualität und geeigneten höheren Gedankeninhalten in verbindender, freierer und verantwortungsvollerer Weise in der Welt wirkt. Mit dieser Ausrichtung erschafft er harmonische sowie stets an die Situation und Zeit neu angepasste Formen, dies im gegenständlichen wie im sozialen Sinne. Siehe auch letzte Skizze rechts.

 

Vorübung zum Kamel - ustrasana

Erklärung der indischen Sanskritbegriffe


a-dvaita = Nicht-Dualität, Einheit
vedānta = Schlusstext der veda (Veden)
veda = Wissen, heilige Offenbarung

māyā = Illusion, Trugbild

āsana = Sitz, Haltung (innere u. äußere)

 

Shankara, spiritueller Lehrer des advaita vedānta. (ca. 788 - 820 v.Chr.)

Entstehung von Formen unter Mitwirkung der Wärme

 

Wir hatten bereits festgestellt, dass jeder Form eine Bewegung vorausgeht. Eine nächste, weiterführende Fragestellung ist: Welche Bedeutung hat die Wärme bei der Entstehung neuer Bewegungen und Formen ?  Hierzu ein Ausflug in die Physik ...

Anhand des Beispieles wie Wasser seine Aggregatszustände verändert, führte Günther Pauli (Physiker) einen interessanten Zusammenhang heran. Er erklärte, dass bei dem Phasenübergang von festem zu flüssigem Wasser zwar Wärmeenergie zugeführt wird, jedoch die messbare Temperatur dabei nicht steigt !  Ebenso umgekehrt. Beim Wechsel von flüssigem zu gefrorenem Wasser geht Wärmeenergie heraus, ohne dass die messbare Temperatur absinkt !  Was passiert da auf verborgene Weise ?  

 

Günther Pauli erklärte, dass dieses Phänomen in der Physik mit "latenter Wärme" beschrieben wird. ("latent" lat. für "verborgen"). Die Erklärung der Schulphysik, dass mit den Übergängen eine Veränderung der Moleküle, eine Veränderung der Lageenergie einhergeht, die die Temperaturdifferenzen sozusagen schluckt, ist seiner Auffassung nach wenig überzeugend. Kann eine Antwort in der Existenz und Veränderung des "Wärmeäthers" liegen, diesem feinstofflichen Element, das von der physisch messbaren Wärme zu unterscheiden ist ? 

 

Formen entwickeln sich durch Wärmeveränderung

Erkenntnisse und Lernschritte bis hierhin ...

 

  1. Der menschliche Körper organisiert sich weisheitsvoll zwischen lockeren (form-schwachen) und festen (formintensiven) Verhältnissen. Dies ist in seiner Anatomie, in seiner Physiologie sowie in der äußeren Bewegung erkennbar. Es sind beispielsweise die Schleimhäute ein Ausdruck für formschwache, die Knochen Ausdruck für formintensive Strukturen. Die Verdauungsprozesse sind in schneller Veränderung von Auf- und Abbau begriffen während die Nerven-, Sinnes-Prozesse mehr das stabilisierende Gegenteil offenbaren. Innerhalb des Organismus nimmt das Bindegewebe, das sich zum einen im wässrigen Milieu und zugleich mit den zähen, dehnfähigen Kollagenfasern in festeren Verhältnissen bewegt, eine Mittenstellung ein.
    In der asana hat der Mensch die Möglichkeit, kraft seines Bewusstseins, die Qualität einer Bewegung selbst zu beeinflussen. Liegen der Körperbewegung bildhafte Vorstellungen zu Grunde, die in der seelisch-geistigen Welt eine Realität sind, finden seine Körperbewegungen in eine harmonische, ästhetische Mitten-stellung. Es ist eine Mittenstellung zwischen auf der einen Seite zu starren Verhältnissen (Verhärtung, Verspannung) und auf der anderen Seit zu lockeren Strukturen (Schwäche, Hypermobilität). Ein Beispiel einer Mittenstellung einer Bewegung, die Stabilität und Flexibilität harmonisch zu einer geistigen Mitte führt, zeigt die Übung im Bild rechts. 
     
  2. Der Mensch und sein Körper befinden sich beständig in einer weisheitsvollen Metamorphose. Zum einen werden im Organismus beständig Gewebestrukturen umgebaut - die Schleimhäute verändern sich schnell, die Nervenzellen langsam - zum anderen nimmt der Mensch mit seinem Denken und Handeln Tag für Tag
    direkten Einfluss auf seine Umwelt und die sozialen Verhältnisse.

    Die Metamorphose geschieht durch den Einfluss von Wärme. Wärme und Bewegung gehören zusammen. Wärme kommt aus der kosmischen Region. In der äußeren Welt zeigt sich dies durch die Existenz der Sonne im Weltall, im Menschen zeigt sich Wärme durch Wertvorstellungen und geistige Inhalte, denen er sich bewusst wird und die er nach außen in sein Umfeld vermittelt. Wärme, und das ist eine bedeutende Erkenntnis, kommt nicht aus der Erde, aus der Materie oder aus dem Körper, sie kommt aus seelisch-geistigen Regionen. Im Leben - und das ist zugleich eine Grundidee des 'Neuen Yogawillen' - kann der Mensch mit geeigneten Inhalten neue Formen und Verhältnisse aus eigener, "sonnenhafter" Schöpferkraft erbauen.

 

Heinz Grill in bhujangasana

Übungspraxis
Die Bedeutung der Gliederung des Körpers und des Grenzüberschreitens für die Formung und Gestaltung einer
āsana

Am Beispiel von der Grundstellung des Vorbeugens im Sitzen (paścimottānāsana) kann die Auswirkung der Gliederungsidee und des gesunden Grenzüberschreitens eindrucksvoll nachvollzogen werden. Beides sind seelisch-geistige Inhalte und damit geeignet für eine bewusste Neu-Formung des Körpers. 1)

  1. Die Gliederung des Körpers: (a) Eine stabile Basis mit dem aktiv aufgerich-teten Becken im Kreuzbeinbereich sowie den aktiv gestreckten Beinen erstellen (ggf. die Knie anheben, um das Becken anheben und die Wirbelsäule (WS) strecken zu können). (b) Die WS in der Region des mittleren Rückens in eine erste Streckung führen und aktiv halten. (c) Mit der sensiblen Berührung der Finger am Boden das Bewusstsein in eine Wachheit führen. Dies fördert die Loslösung von Fixierungen am Schultergürtel und Nacken.  Phase 1
  2. In einem nächsten Schritt die Arme in die Verlängerung der WS nach oben in den Raum strecken, dabei den Brustkorb deutlich anheben.  Phase 2
  3. Das Bewusstwerden der 3-Gliederung von "Basis, Dynamik und oberer Lockerheit" führt das Bewusstsein in eine Offenheit. Damit entsteht eine bedeutende Empfindung: Es ist die Loslösung des Bewusstseins von der Fixierung an den Körper mit seinen Energien. Als nächstes unterstützt die Öffnung der Arme eine weitere, räumlich wirkende Weiteempfindung und damit eine Loslösung des Bewusstseins vom Körper. So kann ein nächster Gestaltungsimpuls primär aus der Neuorientierung des Bewusstseins erfolgen und nicht(!) primär, bzw. nicht allein, aus der physischen Substanz des Körpers.  Phase 3
  4. Für einen Formungsschritt ist bedeutend, wie "frei" man den Körper lassen kann, wie gut man ihn "in Ruhe" lassen kann. Oder anders ausgedrückt: … wie gut es gelingt, die Zentrierung des Willens im Zentrum der WS (manịpūra-cakra, 3. Zentrum, 9.-11. Brustwirbel) anzusetzen bei gleichzeitiger Offenheit des Bewusstseins nach außen. Aus dem Überblick und der Zentrierung des Bewusstseins im 3. Zentrum kann der Übende unterstützt von gestreckten Armen eine aktive Durchstreckung der WS im Sinne eines gesunden Grenz­überschreitens nach vorne in den Raum bewirken.  Phase 4
  5. In der geschlossenen Form bleibt die Idee der zentrifugalen Spannkraft aus der Mitte des Rückens erhalten. Das Bewusstsein ist beobachtend, empfindend und formend tätig. Es durchwärmt so den Körper, es gestaltet ihn über die Wirkung der Lebensenergien (prana, Ätherkräfte) neu. Über die resultierende, starke Stoffwechselaktivität des Bauchraumes entsteht zudem die physische Wärme, die insbesondere an den Nieren wohltuend und regenerierend erlebt werden kann.  Phase 5

1) siehe dazu Heinz Grill, Die Seelendimension des Yoga, 4. Auflage, 2015, S. 136 ff

 

Phase 1
Phase 2
Phase 3
Phase 4
Phase 5

Übungspraxis
Formung und Belebung (Fachbegriff: Ätherisierung) der Wirbelsäule über die Arme

In der Übungspraxis mit den asana ist erfahrbar, wie die Wirbelsäule auf die Glieder stabilisierend und wie die Glieder ihrerseits auf die Wirbelsäule flexibilisierend und gleichzeitig belebend wirken können.

 

In dem, wie am Beispiel des Taubensitzes rechts gezeigt, ein Arm sanft bis in die Fingerglieder gestreckt wird und gleichzeitig der Übende seine Sinne bewusst in den Raum richtet, kann eine belebende (ätherisierende) Wirkung auf die Wirbelsäule entstehen. Auch hier ist die Bedeutung des aktiven Bewusstseins hervorzuheben. Ohne die gezielt eingesetzte Bewusstseinsaktivität könnte die feinstofflich-belebende Wirkung des Luft-/Lichtelementes auf die Wirbelsäule nicht eintreten.

 

Dieser Lernschritt in der Übungspraxis kann so formuliert werden: "Lerne die Arme in räumlicher Bewegung so einzusetzen, dass sie den Körper (Rumpf) wie anziehen."

 

 

 

Einsatz des Armes im Taubensitz

3. Das Formerleben und seine Bedeutung für die persönliche Entwicklung

 

Das Bedürfnis nach Gesundheit ist natürlich und das Bedürfnis nach Entwicklung persönlicher Fähigkeiten ebenso. Wie kann ein Yoga-Unterricht aussehen, der das Formerleben und die persönliche Entwicklung fördert ?  

 

Die Wirkung des Konsumprinzips

 

Ein sehr großer Teil der heute angebotenen Yogakurse ist von einem mehr oder weniger starken Konsumprinzip geleitet. Als "Konsumenten", wie die Wirtschaft uns Kunden bezeichnet, ist diese Haltung heutzutage normal und sozusagen Standard, eben auch bei Gesundheits- und Yogakursen. Obwohl diese Haltung: 'Aus etwas bestmöglich einen Nutzen herausziehen zu wollen', einer klaren, irdischen Logik folgt und bei dem heutigen Erfolgsdruck und Fremdbestimmtsein nachvollziehbar ist und eine gewisse Berechtigung hat, so liegt hier dennoch ein Umstand vor, der die Gesundheit des Menschen langfristig nicht in einen nachhaltigen Aufbau führt. Als reiner Konsument von Entspannung, physischem Training oder energetischem Auftanken bleibe ich mit meinem Bewusstsein passiv. Somit entsteht zwar oft für eine gewisse Zeitdauer eine positive Wirkung, jedoch wird die Möglichkeit eines nachhaltig aufbauend wirkenden Entwicklungsschrittes in der Persönlichkeit - und damit ein nachhaltiger Entwicklungsschritt für die Gesundheit - nicht genutzt. Über die Praxis als "Konsument" können im tieferen Sinne keine neuen, inneren Lernschritte entstehen.

 

Die Wirkung des Nach-Innen-Gehens

 

Ein zweiter, für die Entwicklung kritischer Aspekt ist, wenn das Bewusstsein, wie es bei vielen Yoga-Übungsformen heute der Fall ist, intensiv in die Körperdynamik, in die Körperenergien (prana) oder in die Körpergefühle hineingelenkt wird, z.B. wenn der Atem mit der Bewegung synchronisiert wird. Warum ist das in Bezug auf das Entwicklungs-Potential kritisch zu sehen ?  Die entstehenden, durchaus angenehmen Übungserfahrungen kommen in der Regel aus genetischen, energetischen oder unterbewussten Regionen, die im Menschen aus früheren Erlebnissen heraus abgelegt sind. Es sind die Kräfte des kāma und des karma, die in dem Moment berührt werden, die somit in das Bewusstsein treten und ihre Wirkung entfalten.
 

Überall dort wo das Bewusstsein zu stark in die Leiblichkeit hineinsinkt oder
in dieser verwickelt ist, kann keine Entwicklung der Persönlichkeit entstehen.
Das Bewusstsein bleibt gebunden und damit unfrei, es verbleibt in den karmischen Verhältnissen.

 

Für das gebundene Bewusstsein, das an Körpergefühlen oder Körperenergien haftet, hat die alt-indische Sanskritsprache das Wort "rasa". In der Bhagavad Gita, heißt es dazu im Vers II/59:

 

"Wenn jemand sich der Nahrung enthält, hören wohl die Gegenstände
seiner Sinne auf zu wirken. Die Neigung in den Sinnen selbst, rasa, bleibt
jedoch bestehen. Wenn das Höchste geschaut wird, hört auch rasa auf.

                    (Quelle: Deutsche Übersetzung, Hinder+Deelmann, 1988, nach Sri Aurobindo)

 

Der Vers lässt sich so verstehen, dass Entwicklungsschritte, Schritte der Verwirklichung oder eine Neuformung des Lebens dann entstehen, wenn diese nicht aus alten Anlagen, aus an den Leib gebundenen Anlagen heraus gedacht werden. Eine angelegte Leiden-schaft kann zwar mit guter Disziplin unterdrückt werden, jedoch wirklich verwandelt und metamorphosiert kann sie nur werden, wenn, wie es im Vers der Gita heißt, das Höchste erschaut wird. Dies entspricht in anderen Worten dem wachen und erkennenden Blick auf ein geistiges Ideal. 

 

Die Bedeutung der Außenorientierung und Grenzüberschreitung für die Entwicklung

 

Wenn der Yoga-Übende auf neue, harmonische Bewegungsformen aufmerksam wird, wenn er lernt, diese externen, harmonischen Bilder und Ausdrucksformen in eine eigene Bewegung umzusetzen, kann er nicht in die angelegten, gebundenen Körperstimmungen versinken, Er verbleibt stattdessen in einer klaren Subjekt-, Objekt-Beziehung. Im Form-Erleben mit dieser Ausrichtung und klaren Inhalten bei der Übungspraxis ist das Bewusstsein freier. Der Übende kann daraus neue Lernschritte für das Leben entwickeln, da er Ideal und Istzustand reflektieren kann. Ist das Bewusstsein jedoch zu sehr im Körper oder in den Energien involviert, fehlt die Kraft und Möglichkeit der Objektivierung und die gesammelten Erfahrungen bleiben auf die körperliche Genetik, den Energiefluss, bzw. auf das bereits vorhandene kāma und karma begrenzt.

 

Um den Blick auf ein neues Ideal richten zu können, braucht der Übende eine gewisse seelische Kraft, sich selbst, bzw. karmische Strukturen, überwinden zu können. Die dafür nötige Aktivkraft drückt sich körperlich beispielsweise in der Spannkraft der Wirbelsäule aus. Aus diesem Grund ist das Training der Wirbelsäulenspannkraft in der asana-Praxis sehr empfehlenswert. Das wesentlichste Energiezentrum dafür ist das manipura-cakra. Dessen Kraft entfaltet sich in der Praxis mit einem bewussten Grenzüberschreiten der gewohnten Verhältnisse. Ein mutiges Grenzüberschreiten im Durchstrecken der Wirbelsäule sollte jedoch nur dann trainiert werden, wenn diese eine entsprechende Konstitution bereitstellt und keine behandlungsbedürftigen Beschwerden vorliegen.

 

Eine seelische Kraft, karmische Strukturen überwinden zu können, zeigt sich in der
Empathiefähigkeit. Die Fähigkeit auf andere Menschen zugehen zu können, also Begegnungsraum zu schaffen ungeachtet der persönlichen Neigungen von Sympathie und Antipathie, erfordert ein inneres Grenzüberschreiten. Dieses "gesunde" Grenzüber-schreiten kann in der asana-Praxis sinnvoll und praktisch geübt werden.

 

Formeln des heutigen Yogaunterrichts wie: "Gehe nur so weit wie es dir gut tut.", sind unter dem Gedanken der gesunden Empathiefähigkeit und einer nachhaltigen Entwicklung hin zu neuen sozialen Umgangsformen deshalb höchst kritisch zu sehen. Nur allzu leicht verleitet der Satz, seine Möglichkeiten nicht auszuschöpfen und in alten Strukturen der Persönlichkeit verhaftet zu bleiben. Wenn die Übungspraxis so angelegt ist, dass in angelegte Strukturen tiefer hineingearbeitet wird, dann werden an die Person gebundene oder sogar egozentrische Verhaltensweisen gefördert, was der Grundidee des Yoga, was der Selbstentwicklung, widersprechen würde.

 

Ein gesundes Grenzüberschreiten, das vom Bewusstsein klar getragen und geführt wird und vom Körper spannkräftig umgesetzt wird, zeigt im Bild einer asana eine kraftvolle Zentrierung auf der Höhe des Sonnengeflechts, bzw. der unteren Brustwirbelsäule bei gleichzeitiger offener, räumlicher Ausstrahlung. Als Beispiel siehe dazu rechts das Foto mit der Skizze des Empfindungsausdrucks.

 

--- Ende 2. Teil ---

 

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Erklärung der Sanskrit-Begriffe ...

 

kāma = Begehren, Begierde 

karma = Tat, Konsequenz einer Tat

rasa = Leidenschaft, sinnliches Verlangen

bhagavadgītā = "Gesang des Erhabenen", Heilige Schrift des alten Indien, in schrift-licher Form, ca. 200 v.Chr.

Die Bhagavad Gita erzählt in 700 Strophen
die Geschichte von Arjuna, einem mutigen Krieger, der von Krishna in geistige Geheimnisse und den Weg der Selbstverwirklichung eingeweiht wird. 

 

 

Krishna (Sanskrit kṛṣṇa), ist nach historischer Überlieferung eine göttliche Inkarnation von Vishnu. Hier ist er Flöte spielend dargestellt. Vishnu (Erhalter) ist neben Brahman (Schöpfer) und Shiva (Auflöser, Zerstörer) ein Teil der hinduistischen Trinität.

Waage - aktive Spannkraft der Wirbelsäule
Empfindung von zentrierter Weite
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