Inhalte der 1. internationalen Yoga-Fachfortbildung 2017  (1. Teil)

- Wie das Form-Empfinden die Gesundheit und die Entwicklung des Menschen fördert -

 

Autor - Stefan Jammer / Juni 2017

 

 

Einführung

 

Das diesjährige Thema der Yoga-Fachfortbildungen ist, welche Bedeutung eine Form,
ein Formempfinden und die Formgestaltung für die Gesundheit und Entwicklung des Menschen besitzen. Zu diesem weitreichenden Thema hatten sich Yogalehrer, Yoga-Praktizierende sowie interessierte Gäste aus Österreich, Deutschland, Schweiz, Slowakei und Italien vom 14.04 bis zum 16.04. zu einer ersten fachlichen Zusammenarbeit mit verschiedenen Referaten und Beiträgen im Clubhotel
am Lago di Tenno in Italien getroffen. Das rhythmische Zusammenarbeiten, das gemeinsame sich ins Thema Hineinfragen und Hineindenken stand dabei im Sinne der sozialen Idee im Mittelpunkt.

 

Der folgende Bericht ist in erster Linie eine inhaltliche Betrachtung und weniger eine exakte chronolo­gische Aufzeichnung des Seminars. Um eine gedankliche Bewegung insbesondere für diejenigen Leser anzuregen, die nicht dabei waren, sind zentrale Fragen der drei Tage in grüner Schrift gehalten. Für eine tiefergehen­de Auseinandersetzung mit dem Thema können diese Fragen dienlich sein. Der Bericht enthält an einigen Stellen zur Verdeutlichung des Themas zusätzliche inhaltliche Erweiterungen.

 

 

1. Der Begriff der Form

 

Das Thema wurde mit allgemeinen Überlegungen zum Begriff der Form eröffnet. Wo im Leben des Menschen spielen Formen eine Rolle ?  Äußere, sichtbare Formen gibt es beispielsweise in der Architek­tur von Räumen und Gebäuden und es ist wohl unstrittig, dass diese auf feine Weise die Lebensqualität der sich darin aufhaltenden Menschen mitbestimmen. Auch in der Ernährung gibt es Formen. Es scheint nicht egal zu sein, ob ein Mensch klare Formen auf seinem Speiseteller erkennen kann und diese bewusst isst oder nur Brei zu sich nimmt. Was würde langfristig geschehen, wenn ein Mensch nur passierte Kost zu sich nehmen würde ?

 

Welche Formqualität kann eine Yogaübung, eine āsana einnehmen ?

  • weich, schwach, phlegmatisch
  • klar, gegliedert, harmonisch (die Mitte)
  • fest, streng, perfektionistisch

Für eine klare und gegliederte Ausführung einer Körper­bewegung ist das Bewusstsein wesentlich beteiligt. Für die Gestaltung einer harmonischen Körperform ist eine bewusste Arbeit notwendig. Der Übende muss im positiven Sinne etwas leisten und kann nicht seiner Gemütsstimmung folgend sich einfach "nur" bewegen.

 

Daraus ergibt sich eine weitere interessante Fragestellung …
Was ist eine harmonische Form einer Körperbewegung ? 

 

Form und Ausdruck einer Bewegung

 

Eine harmonische Formgebung einer Bewegung mit dem Körper scheint in der Mitte zwischen verschiedenen Eigenschaften zu liegen, Eigenschaften, die die Form und Metrik betreffen sowie den Ausdruck einer Körperbewegung. Siehe dazu rechts die Skizze. Es kann dabei offensichtlich keine allgemein­gültige äußere Definition einer harmonischen Bewegung aufgestellt werden, eine, die vielleicht besagt, wenn du beim Vorbeugen mit den Händen an den Boden kommst dann ist das harmonisch. Die Harmonie scheint tiefer angelegt zu sein. Sie kann nicht nur am physischen Körper
allein auszumachen sein. Ein kleiner, gedrungener Mensch wird zudem eine andere harmonische Körperbewegung zum Ausdruck bringen als ein schlanker und großer Mensch.

 

Form und Gesundheit

 

Wo kann es zu gesundheitlichen Problemen bezüglich der Form im menschlichen Organismus kommen ?

 

Beispiele für krankhafte Symptome sind Ödeme, Adipositas oder Zellveränderungen. Martin Ningelgen (Physiotherapeut und Yogalehrer) führte in einem Vortrag zum Lymphsystem aus, dass diesem System sowohl in der Funktion als auch in der Weisheit seines Aufbaus formbildende Kräfte innewohnen. Eine Yogapraxis, die eine klare Gedankenbildung sowie Übungen beinhalte, die einen ausfließenden und zusammen-ziehenden Charakter, den harmonischen Charakter des Wässrigen abbilden, können somit bei Wassereinlagerungen und Lymphstauungen einen großen gesundheitlichen Wert darstellen, so seine Erfahrungen.

 

Eine besondere Funktion für den Erhalt von gesunden Formstrukturen im Organismus übernimmt das Bindegewebe. Welche Funktionen es über­nimmt und wie dessen Funktionalität mit der Bewusstseinsaktivität des Menschen in Beziehung steht, wird Thema der kommenden Fortbildungen sein. Dabei wird die Frage interessant sein, wie die äußere Form einer Körperbewegung (im speziellen der asana) auf die innere Formgebung und damit gesunde Funktionalität von Bindegeweben und Organen wirkt.

 

 

2. Die Entstehung von Formen

 

Ein tiefgehendes Studienfeld für den Yogaunterricht ist die Entstehung von Formen. Eine Form, ein Objekt ist ja nicht plötzlich in der physischen Welt existent sondern hat eine Vorgeschichte. Die Fragen sind also … Wie entsteht eine Form ?  ... und ... Aus welcher Dimension entsteht sie ?

 

Es lässt sich beobachten, dass jeder Form eine Bewegung vorausgeht. Dies ist eine allgemein gültige Gesetzmäßigkeit. Ein Gebäude entsteht durch einen Gedanken des Architekten. Aus diesem heraus entstehen verschiedene gedankliche Bewegungen zur Planung und Realisierung sowie schließlich die Handlungen zur baulichen Umsetzung. Eine Körperübung des Yoga, eine āsana, beginnt idealerweise ebenso mit einer Vorstellung. Daraus entwickelt sich die beginnende, dynamische Phase, die in die statische Phase einmündet. Eine abschließende dynamische Phase beschließt den Bewegungs- und Formvorgang.

 

Eine zentrale Erkenntnis …

 

Es lässt sich bei tiefergehender Betrachtung feststellen, dass eine Form, sei es ein Gebäude, eine asana oder andere Dinge nicht allein aus der Substanz der physischen Materie heraus entstehen. Eine von Menschen geschaffene Form entsteht aus der Aktivität des Bewusstseins, aus Gedanken und Vorstellungen und somit aus seelisch-geistigen Regionen. Die geistigen Lehrer, die Rishis des alten Indien mögen aufgrund ihrer noch vorhandenen feineren Wahrnehmungen für diese Regionen vielleicht gesagt haben: "Alle irdischen Bewegungen und Formen haben ihren Ursprung im Kosmos."
 

Lago di Tenno
Die Kobra - bhujangasana

 

 

 

 

 

 

 

"Eine Form ensteht aus der Bewegung.
Ohne Bewegung könnte niemals eine 
Form gedeihen."

Heinz Grill

 

 

 

Übungspraxis
Entwicklung von klaren Formen und Form-Empfinden mit āsana

Bei der Ausführung einer Grundstellung des Dreiecks (trikonāsana) kann auf folgende Dinge geachtet werden …

 

  • Der Stand bildet ein gleichseitiges Dreieck.
  • Der obere Arm streckt sich bei lockerer Schulter in der Verlängerung der Flanke direkt am Ohr entlang.
  • Von der Seite betrachtet, steht der Körper in der Flucht, d.h. weder Oberkörper noch das Becken drehen nach vorn oder rückwärts.
  • Für den Ausdruck ist die ausspannende Dynamik aus dem Sonnengeflechts-bereich (9.-11. Brustwirbel) maßgebend. Der Brustkorb wird vor dem aktiven Bewegungseinsatz an diesem Bereich angehoben.
     

Für die Förderung des Formerlebens mit einer Hilfestellung geht der Anleitende am besten direkt an den Teilnehmer heran. Als eine Übung des 3. Energiezentrums (manipura-cakra) empfiehlt sich beim Dreieck die Hilfestellung (adjustment) mit klaren, kurz gehaltenen Berührungen von hinten, von der Rückenseite her. Der Stand hingegen kann verbal und mit Handgesten korrigiert werden. Eine feine, das Erleben der Weite und Ausdehnung förderliche Hilfestellung ist die Betonung einer sanften Armstreckung bis in die Fingerglieder. Diese sogenannte "Ätherisierung" des Armes unterstützt rückwirkend auf die Wirbelsäule die Leichtigkeit der Streckbewegung.

 

Bei der Ausführung des gedrehten Dreiecks (pavritta trikonāsana) kommen andere Formaspekte dazu. Neben der Dreiecksform des Standes kann das mit der Spitze nach unten zeigende Dreieck zwischen unterem Arm und Bein bewusst eingerichtet und erlebt werden. Beide Arme bilden zudem eine vertikale Linie zwischen oben und unten. Der untere Arm stützt dabei nicht, sondern wird durch eine sanfte Dynamik, die zwischen den Schulterblättern ansetzt nach unten und der obere Arm nach oben verlängert. Der Blick richtet sich in Folge mit einer entspannten Kopfdrehung zur oberen Hand.



Sinnvolle Fragestellungen zum Studium und zur Vertiefung ...


Wie wird eine Form, wie wird eine asana ideal und damit harmonisch ? 
Wie ist das für den Übenden zu erleben ? 
Wo sind Unterschiede zu einer zu festen, wo zu einer zu weichen Form ? 
Was fehlt bei einer zu festen oder zu weichen Form ? 
Was fehlt bei körperlicher Perfektion ? 
Wie kann "harmonische Formgebung durch das Bewusstsein" verstanden werden ?

 

--- Ende 1. Teil ---

 

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Dreieck - Grundstellung
Dreieck - Variation: gedreht
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