Rückblick zur Yoga-Fachfortbildung vom 20.07. - 22.07.2018

Weg am Lago di Tenno

von Stefan Jammer

 

Am nördlichen Gardasee, am Lago di Tenno, trafen sich zum zweiten Mal in diesem Jahr Yogalehrende und interessierte Gäste aus verschiedenen Nationen, um das Thema - die Bedeutung von geordneter Anschauungsbildung und ihre Wirkung auf die körperliche und psychische Gesundheit – zu erarbeiten und konkret mit Hilfe der Yoga-Asana-Praxis in die Erfahrung zu bringen. 

 

Dieses Thema ist in Yogakreisen heutzutage noch relativ unbekannt und für manche sogar in Bezug zu Aussagen des großen indischen Weisen Patanjali (ca. 200 v.Chr.), der von einem Zur-Ruhe-Bringen der Gedanken im Geist sprach. wie widersprüchlich. Es ist jedoch in Bezug auf eine zeitgemäße Yogapraxis für den heutigen Menschen hochaktuell, da die Art des Denkens, bzw. Nicht-Denkens einen großen Einfluss auf die Gesundheit hat. Die Auseinandersetzung mit dem Thema wurde im Laufe der Seminartage durch das neue Seminarkonzept des 'Gemeinsam-am-Thema-Arbeitens' [1] stetig lebendiger und führte am Ende für die Teilnehmenden individuell zu wertvollen Erfahrungen, Lernschritten und Erkenntnissen. 

 

Grundlage der Tage war das Menschenbild der freien Persönlichkeit. Der innere Teil der Persönlichkeit (Sanskrit: ātman), ist nach der Yogalehre ungebunden, schöpferisch und von Natur aus frei. Diese innere Instanz ermöglicht es dem Menschen, frei denken, frei empfinden sowie frei handeln zu lernen. Während der Seminartage war dieses Training der Seelenkräfte ein wesentliches Übungsfeld, um den positiven gesundheitlichen Wirkungen der Gedankenbildung – als ein Merkmal des freien Menschen - näher zu kommen.

 

Als Hauptreferent eröffnete Heinz Grill das Thema anhand von folgender Skizze …

 

Diese Skizze ist so zu verstehen, dass einer geordneten Vorstellung eine Idee vorausgeht. Der Übende entwickelt beispielsweise anhand der Idee einer Yogaübung (āsana) Gedanken und Bilder, die eine logische, beobachtbare oder wahrnehmbare Folge der Idee sind. Geschieht das ausreichend bewusst, klar und ausdauernd kann sich – sogar noch vor der Ausführung einer Übung - eine spezifische Empfindung einstellen. Man benennt diese als eine von körperlichen Einflüssen 'freiere Empfindung'. Sie bewirkt einen feinen bewegenden Impuls im Feinstofflichen, so dass der Übende in der praktischen Ausführung zu einem harmonischen Bewegungs- und Körpergefühl findet. Heinz Grill führte durch diesen Übungs- und Erfahrungsprozess so hindurch, dass sowohl Geübte als auch weniger Geübte geschickt folgen konnten.

 

Im Laufe der Seminartage wurden gemeinsam verschiedene fachliche Fragen bewegt und es offenbarte sich eine zentrale Erfahrung für die Teilnehmenden, .... dass eine geordnete Vorstellung immer das konkrete Gegenüber braucht. Nicht ein zu tiefes, diffuses oder subjektives Körpergefühl wird gesucht, sondern ein konkretes, förmlich objektiv wahrnehmbares. Es werden physische, feinstoffliche oder bei fortgeschrittener Praxis sogar metaphysische Bezugspunkte gesucht, die beschreibbar und beobachtbar sind. Diese Konkretheit im eigenen Denken und Wahrnehmen, so ein wesentlicher Lernschritt des Wochenendes, ist wichtig, damit sich Empfindungen einstellen können, die in der Folge neue Lebenskräfte (Äther) freisetzen und damit stabilisierend auf Psyche und Körper wirken. Diese stabilisierende Wirkung ergibt sich durch die ordnende Wirkung des Zentralen Nervensystems (Wachbewusstsein) auf das vegetative Nervensystem (Unterbewusstsein).

 

Zwei kurze Beispiele vom Seminarwochenende …

 

Lernt der Übende den Kopf-, Nacken und Schulterbereich bewusst zu lockern, kann unmittelbar eine feine, aufstrebende Lebensenergie aus dem unteren Rücken den Oberkörper aufrichten. Dies ist bei nahezu jeder Körperbewegung wahrnehmbar und aufgrund ihrer allgemeinen Gesetzmäßigkeit beliebig reproduzierbar. Diese Gesetzmäßigkeit findet sich im Äther- oder Lebenskräfteleib (Prana Vayu). Der Yoga-Übende erringt dadurch einen Lernschritt, d.h. eine Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit, auf einer nicht-stofflichen, einer nicht rein materiellen Ebene.

 

Der 'Schulterstand' (sarvāṅgāsana) war eine Übung, die mit Vorstellungen und Übungspraxis vertieft wurde. Heinz Grill gab die aus geistigem Schauen gewonnene Idee, sich vorzustellen, dass sich feine Lebens-/Ätherkräfte von den Flanken, also von der Peripherie des Brustkorbes, hin zum Herzbereich zentrieren. Aus diesem erlebbaren Zentrum (anāhata-cakra) können in der Folge Lebenskräfte freiwerden, die Brustkorb, Becken und Beine leicht, also ohne starken Kraftaufwand, nach oben herausheben. Dieses Bild konnte durch wiederholte Ausführung und unterstützende Übungen - wie z.B. dem 'Skorpion' vorweg und dem 'Pflug' als Zwischenübung - für viele Teilnehmenden konkret als Empfindung und schließlich in der harmonischen Umsetzung am Körper erlebt werden. Hier ist der Lernschritt für den Yogaübenden möglich, mit der Idee und entsprechender Vorstellungsbildung zum Herz-Zentrum, einen Zugang zum eigenen Seelenleben aufbauen und dessen Wirkung auf den Fluss der Lebenskräfte studieren zu können.

 

Zusammenfassung

 

Eine lebendige Vorstellung mit ordnendem Charakter, so eine finale Erfahrung des Wochenendes, intensiviert - d.h. weitet und vertieft sich - über den Weg der Wiederholung, sowohl im Denkvorgang selber als auch in der körperlichen Ausführung. Jene 'gereifte' Vorstellungs- und Körperarbeit stützt den Menschen in seiner Psyche und sie wirkt bis in die Organfunktionen des Körpers hinein stärkend.

 

Das gemeinsame, soziale Zusammenwirken für die Erarbeitung dieses interessanten Yoga-Themas der geordneten Vorstellungsbildung ermöglichte einen lebendigen Seminarablauf, in dem die Zeit schnell vorbeiging. Es war wohl für jeden spürbar, wie eine aktive Auseinandersetzung mit Gedanken und körperlicher Praxis eine Steigerung der Lebenssubstanz - sowohl psychisch als auch physisch - hervorbringt.

 

Ausblick

 

Über die erfolgreiche Yoga-Übungspraxis des Seminarwochenendes hinaus möchte ich noch erwähnen, dass in einer Zeit, die von Informationen überladen ist und wo es schwer ist, die vielen Meinungen und Ratschläge zu sortieren, Unwahrheiten und Lügen zu identifizieren sowie überhaupt an essentielle inhaltsreiche Aussagen zur Gesundheitsbildung und Lebensgestaltung heranzufinden, es immer bedeutender wird, dass dem Bürger eine eigene Urteils- und Vorstellungskraft zur Verfügung steht. Diese kann sich der mesnchlichen Natur nach beständig erweitern und vertiefen.

 

Stefan Jammer, Juli 2018

 

 

_______________________________________

[1] siehe dazu auf dieser Webseite > Neues Seminarkonzept

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Akademie für Yoga in der sozialen Ausgestaltung | Impressum | Datenschutz